aufmerksamkeitspanne

auch die freigeschmolzene jahreszahl scheint unwahrscheinlich, so wie die tatsache, daß wir (mit weblogs und leben) tief hineingerutscht sind in den lull der jahre. daß die zeit schnell verginge, ich wiederhole das, bis ihr’s glaubt, ist eine dumme konvention und nicht wahr: daß sie so beiläufig vergeht, ist unerträglich, daß sie sich nicht schert um die verluste, die sie festschreibt, ohne drama.

(– vigilien)

klammer auf,

denn damals hatten wir noch keine fav-sternchen, wir haben uns gegenseitig verlinkt, wenn wir uns und unsere texte und vielmehr ja unsere gedanken, also eben doch uns, gegenseitig toll fanden, und wir wußten auch um den unterschied von ge– und ver-linkt, mehr als ihr alle, jetzt, heute, jedenfalls. wenn sich damals in unserer nähe sogenanntwerdenwollende marketing-profis, suchmaschinen-spezialisten oder kampagnenoptimierer aufzuhalten versuchten, haben wir sie ausgelacht, nicht indem wir einen „block/report“-button klickten sondern indem wir subtil waren und selbstverständlich und stolz. wir haben damals auch nicht andauernd von damals (vulgo: demmals) gesprochen, denn das was wir draus machten war schon okay, ist es heute irgendwie auch, aber die betonung des begriffs irgendwie juckt uns doch ein wenig in der magengegend. neben all den tollen sachen, den wunderbaren schreibern, den interessanten formaten und den superen ideen, die so in der luft herumschwirren, sehen wir eben auch die kloake voll „tweet-academy-dozenten“ und „web2.0-evangelisten“; und wir erkennen die dinge in unserem leben (vulgo: dem internetz), die kein herzblut haben, das ist wahrscheinlich der große unterschied, denn früher hatte ganz einfach das allermeiste eine ganze menge herzblut, und dieser kontrast hat vermutlich auch irgendetwas mit dem lull der jahre zu tun.

(klammer zu, jaja.)

(in anlehnung auch an einen sehr tollen tweet von neulich, den ich hier nicht verlinken kann, weil er „protected“ ist, auch wieder so ein moderner totalquatsch, der schon konzeptuell so sehr schmerzt, daß man zum ausgleich gegen eine wand rennen möchte. klammer nochmals zu.)

[ frank l. | 2010-03-03 | 18:34 | # ]

spektakulatius

das obst muß saftig sein und das gemüse bio, filme haben eine tolle atmosphäre und in songs steckt gefühl, preise sind auf einmal nicht mehr gut, sondern fair, und autos nicht mehr schnell, sondern rasant. es geht auch nicht mehr um den geschmack, sondern um das aroma, und wer geilen sex meint, spricht von stilvoller erotik. romantik ist eine akkordfolge. vor lauter saftigkeit und biokram vergessen wir, wie das zeug mal geschmeckt hat; vor lauter vergleichbarkeit und haltung vergessen wir, wie sich der spaß anfühlt, den manche sachen machen; vor lauter review-sternchen vergessen wir, wie eine begeisterung funktioniert; vor lauter awards und memberships vergessen wir, was eine stolzgeschwellte brust ist; vor lauter intensität vergessen wir, was wir eigentlich meinen mit der art, wie wir so leben. (und vor lauter phrasen schreiben wir ja auch fast keine blogtexte mehr, übrigens.)

[ frank l. | 2010-02-10 | 19:56 | # ]

jahresrückblick, nachgetragen

eine aktive recherche, ob der empfänger tatsächlich verstorben ist, stellt die deutsche post nicht an. (..) ist die zustellung an einen – tatsächlichen oder vermeintlichen – erben nicht möglich, ist die sendung unzustellbar und wird mit dem unzustellbarkeitsvermerk „empfänger soll verstorben sein“ versehen. für die richtigkeit des vermerks „empfänger soll verstorben sein“ kann die deutsche post aus den vorgenannten gründen keine gewähr übernehmen. der kunde sollte daher zur sicherheit selber prüfungen über das mögliche ableben eines empfängers anstellen (..)

(– deutsche post: „leistungen und preise“, 1.1.10)

zweitausendneun war broccoli, zweitausendzehn wird rotkraut.

[ frank l. | 2010-01-04 | 10:52 | # ]

journey to the end of the year

berlin, alexanderplatz, silvester, 19 uhr.

[ frank l. | 2009-12-29 | 12:43 | # ]

one size fits most

an feiertagen und nach alkoholgenuß werden wir zuerst versöhnlich. wir lassen uns für u30-parties auf gästelisten schreiben, denn wir sind der meinung, das gefühlte alter sollte zählen, und bei starkem wind hören wir aus allen geräuschen die „word up“-hookline von cameo heraus. wir nennen es „prenzlberg“ nicht obwohl sondern weil wir es besser wissen. wenn wir etwas vermissen, dann verstecken wir das als andeutung in kommentaren auf facebook, wissen aber natürlich, daß es die richtigen und die falschen leider trotzdem verstehen werden. unter herzhaft verstehen wir nicht schinken sondern liebeskummer, und unsere geschäftsideen sind meistens shirt-label oder was mit online. wir sprechen fließend, manchmal auch fremdsprachen. wir denken oft über gesten nach, aber wir neigen zu überinterpretation. wir vermissen oft, wir sind klugscheißer bei tag und durchseelt bei nacht. wir wehren uns gegen „generation soundso“-stempel, fänden aber den ausdruck „generation soundso“ schon fast wieder gut, der ironie wegen. wir täuschen uns manchmal. wir benutzen pluräle und neologisieren gern, wir neigen zu abhängen und kryptisieren wortspiele. wir sind metrosexueller als wir jemals zugeben könnten, allein der begriff schon. im verstecken sind wir schlecht, aber wir kokettieren gern. wir erfinden sorgen, denn eigentlich haben wir keine, und wir verheimlichen lösungen, obwohl wir davon genug hätten. wir definieren uns über sammlungen und listen. und an guten tagen lächeln wir.

[ frank l. | 2009-12-26 | 03:45 | # ]

..

add video to your mood

[ frank l. | 2009-12-25 | 22:15 | # ]

active aggressive note // (xmas ’09)

liebes tagebuchblog: weihnachten also. war doch gerade erst. die tage werden wieder länger, die aufmerksamkeitsspanne kürzer.

gestern abend noch, beim klopapier-und-bananen-kauf draußen, den trainingsanzugjackenträger im drogeriemarkt an der kasse vor mir je ein aftershave und ein duschgel aus der „playboy-edition“ kaufen erlebt. sah man die verpackung an, wußte man sofort, wie das zeug riecht (und das galt für produkt und käufer gleichermaßen). darüber nachgedacht, in diesem moment, ganz abseits von werbeversprechen und dem bild, das andere menschen offenbar gern von sich hätten: wieso intellektuelles bling immer noch funktioniert — also, das nicht dem 8-euro-haarschnittträger vorwerfend, sondern: wieso glauben leute noch immer an extrinsische versprechen, die darauf hinauslaufen, daß siejenige zu einem besseren menschen gemacht werden?

natürlich: mode funktioniert genau so, und gadgets und frisuren und bioobst und spenden für sogenannte gute zwecke (anstatt mal für gute gründe). aber so eine egoverbesserung, so ein individueller fortschritt, so ein „next level“-ding: weshalb funktioniert das bei mir eigentlich immer nur von innen heraus, woher diese abwehr gegen versuche von außen? ist das schon satanismus oder noch nur hermann hesse (beides egozentrik, nur in anderer darreichungsform)?

auf dem heimweg dann bemerkt, daß ja genau das mein problem mit weihnachtskitsch ist. und daß ich dramatisch froh darüber bin, heiligabend und alles drumherum in diesem jahr in der großen stadt, mit lebkuchen, kaffee, freunden, wodka, katzen, indierock und weißwein verbringen zu können. weil das aus mir heraus kommt, die begeisterung dafür, und nicht aus eigenartiger tradition.

just merried.

[ frank l. | 2009-12-24 | 18:14 | # ]