carpe diem

er ist wegen ihr hier (grund), sie wegen ihm (zweck). ein bißchen verloren stehen sie im vorderen drittel des publikums und tun so, als wollten sie beide die band erleben. sie hat jahrelang auf ihren traumprinz gewartet, der sie aus ihrer misere herausholt, weil sie sich nicht eingestehen will, daß sie es ja auch selbst könnte, den arsch hochbekommen, ihr leben verbessern, sondern sich sagt, daß äußere umstände und die ganze situation und du weißt ja gar nicht wie das ist und und und aber der traumprinz kam offenbar nie und jetzt steht sie hier bei einem konzert, das sie eigentlich überhaupt nicht interessiert, mit ihm, der sie intrinsisch-gezwungenermaßen interessiert und den sie dabei versucht so subtil wie es ihr möglich ist (kaum) auszufragen, um seine antworten dann so zurechtzulegen, daß man ihm vielleicht doch noch das traumprinzkostüm überstülpen könnte, in der hoffnung, daß sich ihr eigenes unterbewußtsein genug täuschen läßt. sie weiß all das, aber sie will es nicht wahrhaben. wenn sie es wahrhaben wollte, wäre sie nicht hier. er bildet sich ein, sie sei wegen ihm hier, oder wegen der musik, aber das ist ja fast das gleiche, schließlich identifiziert er sich mit der musik (das alter!), aber heute ist sie (die band) ihm ausnahmsweise egal, denn sie (die frau) steht schräg vor ihm und schaut gelangweilt (chance!, nicht enttäuschung!), er macht sich schon mit seiner körperhaltung gegenüber ihr zum vollidioten, aber auch das merken nur außenstehende, und sie vielleicht unterbewußt, und sein latent schmachtender blick verrät alles über diese beiden. sie stehen da, schauen ungefähr in richtung bühne, wirken deplaziert, fühlen sich wahrscheinlich auch beide so, und das schlimme ist, daß man ihnen als außenstehender ein jahr gibt, maximal, in dem er sich für sie zum affen macht und sie seine art sie zu lieben als selbstsüchtig interpretieren wird und er keinen ratschlag, den er anderen geben würde, selbst beherzigen wird, schließlich liebt er sie (glaubt er) und sie ihn (hofft er) und das wird auch in einem jahr noch so sein (daß er es hofft). nach spätestens einem jahr der große zoff (nach einem knapp ein jahr anhaltenden kleinen), trennung mit schmerzen, weil beide sich selbst mißverstanden hatten, seit sie sich kannten, dann vielleicht der berühmte zweite versuch, vielleicht doch nochmal ein versöhnungsfick, nur noch tränen in den augen, weil beide sich selbst dabei schon nicht mehr sehen wollen, aber immer noch zu verhirnt sind, um endlich aufzuwachen. deutung, endlich, dann trennung aus selbstschutz, schließlich, mindestens ein weiteres jahr der jeweiligen selbstfindung, in der die straßenseite gewechselt werden muß, wenn man dem ex-partner begegnet, keine aussicht auf besserung, lebenslange latente ekelgefühle nur bei der nennung des namens des damaligen partners, "wie konnte ich nur?"-gedanken gemischt mit "aber .." (und genau nach diesem "aber" hacken sie sich die entsprechende stelle im hirn ab, bis sie nicht mehr dran denken können). erwachsenwerden mit dreißig. und man steht nur zwei meter daneben und man ist hingerissen und schockiert, daß man all das schon nach sekunden erkennt, an blicken, körperhaltung, setting. wenn die beiden sich nur endlich sehen könnten. man möchte hingehen und genau das alles den beiden erklären, ruft sich zur ordnung bzw erinnert sich an seine gute erziehung, fragt sich, ob es nicht noch bessere erziehung wäre, den beiden ein emotional befriedigenderes jahr zu ermöglichen als dasjenige, das sie erwartet, man schwankt zwischen mitgefühl (viel), mitleid (auch) und hoffnung (wenig). dann nippt man an seiner cola und nimmt sich vor, die klappe zu halten. sie wollen's ja nicht anders.

 

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