aktion 18 – tötet politik

komme gerade von einer, äh, "lesung" namens "aktion 18tötet politik", dem ein oder anderen vielleicht in verbindung mit dem namen christoph schlingensief ein begriff, zurück. müßte wahrscheinlich erstmal all meine gedanken dazu ordnen, daher nur eine kurze eindrucksschilderung.

herr schlingensief ist, nach meiner laienhaften beobachtung, krank. das ist weder positiv noch negativ gemeint, sondern schlicht und einfach als feststellung – wenn man ihn auf der bühne sieht, kann man fast zu keinem anderen schluß kommen. aber auch "kranke" und verwirrte menschen sagen oft die wahrheit, auch wenn sie sie gut verstecken. und irgendwo war da auch ein punkt in all dem, was schlingensief innerhalb drei stunden auf sein publikum losgelassen hat. es auf den chance 2000 slogan "wähle dich selbst" zu reduzieren, wäre wahrscheinlich unfair, aber in der annäherung bestimmt noch nicht falsch.

daß während dieser drei stunden diverse ausschnitte aus u3000, quiz3000, freakstars, der aktion "ausländer raus" gezeigt werden und die veranstaltung dann jedesmal in (recht faszinierende, aber trotzdem) selbstdarstellung ausartet, kann man gerade noch verzeihen. richtig "kraß" (ich hasse dieses wort, aber manchmal paßt's einfach) wird es dann erst, wenn schlingensief sich in reden reinsteigert und in 5 sätzen 7 mal das thema wechselt, das publikum fast wie sektenjünger beschwört, oder schließlich ein voodoo-ritual an einem bild von möllemann durchführt – begleitet von "original voodoo videos", trommel-loops aus einem bunuel-film, sehr sehr viel daunenfedern (die im publikum verteilt werden), einer bohrmaschine, leeren patronenhülsen, ins publikum gebrüllten auszügen aus antonin-artaud-texten … und und und. schwer zu beschreiben. "intensiv" vielleicht. "interessant" auf jeden fall. "krank" meistens auch.

aber zwischendurch sitzt er auch einfach mal nur am tisch und liest einen text von joseph beuys vor, der so gequirlt geschrieben ist, daß wahrscheinlich kaum jemand aus dem publikum folgen kann. zeigt ein dianetik-werbevideo und vergleicht deren gehirnwäsche mit den mitteln der politiker. spielt das "quiz3000" mit einem freiwilligen aus dem publikum. wirft eine leere weinflasche quer durch den saal. macht witzchen. spricht "die beiden herrschaften vom verfassungsschutz" direkt an, die angeblich im publikum sitzen und mitschreiben.

auch, wenn ich ihn für relativ wahnsinnig [tm] halte. auch, wenn seine meinung inhaltlich nicht immer (sogar eher selten) mit meiner übereinstimmt. auch, wenn ich gewisse mittel weder für legitim (auch nicht unter dem mantel der kunstfreiheit) noch für sonderlich interessant halte. auch wenn ich mit eher gemischten gefühlen aus dem saal gehe. so merkt man doch deutlich, daß dieser mann ein anliegen, eine meinung, eine "mission" möchte man fast sagen, hat – bzw "sich gemacht hat". und sowas ist ja heutzutage auch schon selten genug.

zwar hat mir all das heute nicht unbedingt in bezug auf meine entscheidung vom 22.9. geholfen, aber es hat endlich mal wieder ein paar synapsen zum leben erweckt. und das ist ja auch schon was.

weitere tourdaten:

07.9. münchen, muffathalle
09.9. stuttgart, theaterhaus
10.9. frankfurt/main, stadthalle langen
11.9. köln, limlight
14.9. bochum, stadthalle wattenscheid
15.9. hamburg, st. pauli theater
16.9. hamburg, st. pauli theater
18.9. bremen, schlachthof
19.9. münster, aula am aasee
20.9. bielefeld, gymnasium am waldhof
21.9. lüneburg, vamos

 

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