the amber light & david judson clemmons, substage karlsruhe, 20041125

accidentally-kurzfristig nach karlsruhe gefahren, noch kürzerfristig beschlossen, eine mir bis zu diesem abend noch nicht persönlich bekannte musikalische wissenslücke zu schließen – die der beiden genannten bands bzw. projekte nämlich, von denen ich vorher nie gehört hatte. laut location-flyer der main-act irgendwo zwischen sigur ros und radiohead, der support mit dem bösen begriff artrock zerklassifiziert. trotzdem. horizonterweiterung.

ich bin allein unterwegs. kenne niemanden mehr in der alten mittelgroßen stadt, im gegensatz zu gerade mal noch vor – jaistdasdennschonsolangher? – fast zehn jahren. menschen werden mit "sieht aus wie" oder "erinnert mich an" im vorbeigehen in schubladen abgelegt, damit ich nicht länger darüber nachdenken muß, ob eher ich oder mein damaliger bekanntenkreis die falsche abzweigung an der kreuzung der lebensläufe genommen hat, kürzlich, irgendwann seit ungefähr 1995 oder spätens 1997. der abend wird präsentiert von "eclipsed", einem rock-magazin (sagt man noch "fanzine" heutzutage?). in verbindung mit dem artrock-gefasel des veranstaltungskalenders war ich auf weißbärtige männer mit übergewicht, cowboystiefeln und lederwesten gefaßt. dann doch positiv überrascht worden (ein pessimist hat das glücklichere leben, ich sag's ja).

david judson clemmons live

bei konzerten ist das ja auch seltsam: mal abgesehen von ausnahmefällen, bei denen aufgrund der erwartungshaltung, der bandgeschichte (bzw. -bedeutung) oder dem setting bzw. der eigenen begleitung schon vorher feststeht, daß der abend entweder großartig wird oder in die negativerinnerungen der eigenen musikalischen und sozialen entwicklung eingehen wird, ist es doch meistens so, daß man (also: ich) schon in den ersten minuten spürt, wie der abend werden wird. vor dem geistigen auge manifestiert sich recht schnell ein "wow!" oder ein "naja, ..", und sowohl das anführungszeichen als auch kommaspacepunktpunkt sollte man in diesen fällen sehr ernst nehmen. zwischen david judson clemmons und mir entstand an diesem abend ein "wow!". neben-, haupt-, ehemals- oder sonstwie-projekte "jud", "fullbliss" oder andere, jetzt eben unter seinem voll ausgeschriebenen namen unterwegs, den ich mir immer noch nicht merken kann und gerade dreimal auf dem flyer nachsehen mußte. fünf männlein auf der bühne, die stimme irgendwo in der nähe von giant sand, der sound ungefähr so, als wären nada surf bei constellation records untergekommen. die schulband-variante von godspeed you black emperor. die songs zu kurz, ja, zu "rockig" vielleicht, aber – die stimme, die wirkung, dazu die farben (türkisrot monochrom?), die kurzen ansagen zwischen den songs, das publikum sofort ganz hingerissen (gänsehaut, immer wieder, wenn man das (beim restpublikum) bemerkt), tunnelblick in richtung bühne. ich bemitleide die anwesenden pärchen ein wenig. diese musik funktioniert nicht, wenn man jemanden im arm hält, der einen ablenkt. diese musik funktioniert auch nicht, wenn man zur unterhaltung eine band hören möchte, und diese musik funktioniert nicht für zu zweit.

"am abend war er in gedanken, endlich also dort, wo er seit dem aufwachen hinwollte und wo es, und das ist das problem, allein einfach am schönsten ist."

[wolf wondratschek, tabori in fuschl, teil 8]

eine stunde konzert, dann die aus dem rahmen fallende zugabe (wer hat da "punk" gerufen?), und plötzlich lächeln alle (alle!) im publikum unglaublich zufrieden, obwohl sie gerade über eine stunde lang größtenteils laute und schwermütige songs gehört haben. melancholie ist etwas großartiges. der junge mann mit "cannibal-corpse"-longsleeve am merchandising-stand berät mich kompetent: "also, dieses album ist dann mehr .. naja .. also melancholisch würde ich's jetzt nicht ganz nennen, aber vielleicht ein wenig sanfter .." – das mit dem marketing hat er noch nicht ganz so drauf. aber er kennt mich andererseits ja auch noch nicht. "oh, melancholisch ist toll!" – "ah. na, dann möchte ich's doch melancholisch nennen! sehr sogar!" – ich kaufe alle erreichbaren cds und frage mich, wie dieses latent debile grinsen jetzt noch getoppt werden könnte.

konnte es dann auch nicht. the amber light aus wiesbaden, vollmundig als sigur-radiohead-ros angepriesen und mit lustigen pressezitaten am merchandising-stand beworben, sind zu jung, um ehrlich zu wirken. wenn der sänger mal groß ist, wird er aussehen wie rangar yogeshwar, und wenn die band mal groß ist, werden sie bei langweiligem artrock angekommen sein, von dem sie sich jetzt musikalisch gottseidank noch hinreichend abgrenzen, aber nicht genug, um mich zu fesseln. das ist ja auch so eine sache mit der erwartungshaltung, nachdem man einen glücksgriff bei der support-band hinter sich hatte. nach einer halben stunde verlasse ich das substage, noch bevor mir gar eine coverversion noch den abend verdorben hätte, und fahre auf dem heim- so um-weg wie möglich, um die erstgeöffnete cd von david judson clemmons zu genießen.

rest-tourdaten:

david judson clemmons
01.12.04 berlin, tacheles
02.12.04 frankenberg, klimperkasten
04.12.04 kassel, k19
05.12.04 nürnberg, rakete
07.12.04 halle, objekt 5

the amber light
04.12.04 zwingenberg, underground
16.12.04 wiesbaden, walhalla
17.12.04 wiesbaden, walhalla

 

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