als ich eines tages meinen eltern den glauben an den weihnachtsmann verdarb (plus rum-mäandernde zu lange einleitung als bonustrack)

die telefonklingel abgeschaltet. die vielen kleinen telefonelektronen finden durch den nebel da draußen sowieso nicht den weg bis zu meinem anschluß, sondern verlaufen sich irgendwo im "kein anschluß anywhere in dieser gegend"-bereich. bei gelegenheit dann doch mal über melancholiewetter-preselection nachdenken. einmal weihnachten, bitte, mit totem nadelbaum und extra schmalz. geschenkezeit voraus. an pre-weihnachtliche verhandlungen mit den eltern vor rund 20 jahren gedacht ("mami, was bekomm' ich zu weihnachten?" – "nichts, du hast doch schon alles.") und mit pre-weihnachtlichen telefonaten heute verglichen ("willst du irgendwas zu weihnachten?" – "nee, ich hab' doch schon alles."). ernüchterungleichterung, die gefühlsdusel- und verblendungsfreie form von sentimentalität.

ich erinnere mich nur noch an einzelne szenen, von damals, als meine eltern noch dachten, ich würde den glauben an das christkind ihnen zuliebe vorspielen (und nicht "dem setting" zuliebe). daß ich leider zu intelligent war um an osterhasen, weihnachtsmänner oder eigene geburtstagsparties zu glauben, führte zu einer seltenen, aber nicht minder interessanten form einer glücklichen zufriedenen kindheit.

geschenkofatz. das, was ich hatte, wurde nach kurzer zeit langweilig; das, was ich haben wollte, bekam ich nie (ach, so viele parallelen zu all dem zwischenmenschlichkeitsquatsch heute, daß es fast peinlich ist, es überhaupt zu erwähnen). ich hatte also actionfiguren von masters of the universe (skeletor, nicht he-man, versteht sich!), aber ich wollte einen billardtisch (das allerdings zugegebenermaßen in einem alter, in dem ich über den rand desselben wahrscheinlich noch nicht hätte schauen können, der vorwurf in richtung meiner eltern hält sich mittlerweile also wieder in grenzen – damals hingegen zog ich die taktik des terrorisierens (einzelkind!) vor). bis heute bin ich der meinung, daß mir ein billardtisch -im gegensatz zu ferngesteuerten autos, actionfiguren, fußbällen oder socken- nie langweilig geworden wäre (im gegenteil, meine eltern haben dadurch, davon gehe ich aus, meine profi-snooker-karriere im keim erstickt). daß ich auch im bereich des zwischenmenschlichkeitsquatschs ähnliche gedanken über etwasse, die ich nie "bekommen" habe, denke, dieses argument schiebe ich dezent beiseite.

im rahmen einer dörflichen weihnachtsfeier für kinder ("der weihnachtsmann kommt!!", schrieben die plakate angeblich) wurde ich von meinen eltern irgendwann in einem winter ungefähr zwischen 1978 und 1980 auf den dörflichen weihnachtsmarkt vergeschleppt. ich befand mich bereits im oben erwähnten neunmalklugen besserwisserischen alter (soll heißen, ich konnte schon sprechen), um hinreichend weltlich-gefestigt zu sein und nicht mehr an "den weihnachtsmann" zu glauben. jedenfalls nicht an einen, der mit rentieren vor seinem schlitten aus der luft kommt und uns unsere geheimsten wünsche, hübsch verpackt, an den kopf wirft (wobei ich erwähnen sollte, daß die billardtisch-sache doch erst ein paar jahre später aufkam). zusammen mit kindern, die ich nicht kannte, stand ich im kreis, fror und wartete mit meinen eltern also auf einen verkleideten studenten von der zeitarbeitsfirma, den sie, meine eltern, immer als "den weihnachtsmann" bezeichneten.

dieser kam, wenn ich mich recht erinnere -und nicht im laufe der jahre einfach nur den gedanken so putzig fand, daß ich ihn irgendwann zu einer erinnerung gemacht habe- in einem dunkelblauen golf, aus dessen kofferraum er die geschenke und zwei dicke bücher holte, während unsere eltern so taten, als würden sie ihn nicht bemerken. er parkte am anderen ende des platzes, stapfte (ja! schnee!) zu unserem grüppchen herüber und wurde von unseren eltern mit einem freigetränk glühwein begrüßt. dann begann der eigentlich wichtige teil des abends, die verleihung der awards für gutes benehmen in den vergangenen zwölf monaten.

der student mit dem angeklebten bart klappte sein großes buch auf, nannte einen namen, und das betreffende kind wurde von seinen hinter ihm stehenden eltern nach vorn geschoben. den meisten sah man es an, daß ihnen diese rolle nicht recht war, gab es doch eher selten texte aus dem "goldenen" buch zuerst zu hören, immer waren ein paar sätze aus dem "schwarzen" buch zuerst an der reihe. und was dieser student alles wußte – der nachbarsjunge war gemein zu seiner kleinen schwester, diese wiederum ging zu selten mit dem hund raus, sohn soundso war keine genügende hilfe im elterlichen haushalt, – ja, investigativ-boulevardesker enthüllungsjournalismus, wie ihn sich ulrich meyer damals noch nicht hätte vorstellen können. jedesmal folgte aber nach einer besserungsgelobingung des kindchens ein ebenso persönlich formulierter netterer text und die übergabe eines geschenks.

ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich gedacht habe, als ich an der reihe war und aus der reihe nach vorn trippelte. ich fühlte mich, als stünde ich vor einem erschießungskommando, dem meine mutter peinliche geheimnisse von mir ausgeplaudert hat, soviel weiß ich noch, als der große seltsame kerl -in einem für ihn eher ungünstigen winkel zu mir stehend, übrigens- sein schwarzes buch aufschlug und mir vorlies, daß offenbar zu meinen schlimmeren taten des vergangenen jahres eine gewisse abneigung gegenüber taschentüchern zählte. das war alles? geht klar. daß ich mich in zukunft weniger vor meiner eigenen rotze ekle (und somit nicht mehr ganz so oft von meinen eltern zum hno-arzt gebracht werden mußte), das sollte ich ja wohl hinbekommen. hey, ich war vier. da ist alles ausbaufähig. und jetzt her mit dem geschenk.

auf der heimfahrt beging mein vater den folgenschweren fehler, mich süffisant nebensätzlich zu fragen, ob das denn eindruck auf mich gemacht hätte, daß der weihnachtsmann so viel über mich wußte. ich antwortete reflexartig: "nö, papi. das war doch schließlich deine handschrift in seinem buch." – betretenes schweigen folgte, und meine eltern warfen sich blicke zu, die ich erst ein paar jahre später verstehen sollte.

ich hoffe glaube, meine eltern hielten schon damals so viel von mir, daß sie mir in ihren ehrlichen momenten wohl nicht zutrauten, an einen weihnachtsmann zu "glauben". sie machten mir nie einen vorwurf, daß ich ihnen diesen abend verdorben hatte – aber ein bißchen höflicher hätte ich sein können, das stimmt.

 

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