früher war alles besser.

das ist natürlich quatsch. einerseits aus rein logischen gründen (nach dem spiel ist vor dem spiel), andererseits sagen sowas nur möchtegernkonservative ohne rhetorikausbildung. und konservativ bin ich höchstens auf eine progressive art (eat this, interpretatoren!). aber: so ein schlagwort, bzw. schlagsatz, lenkt die aufmerksamkeit hierher und grenzt grob ab, worum es gehen soll in den folgenden paar absätzen: ich mache mir sorgen über die entwicklung der technischen neugierde der jugend.

aber dazu muß ich wahrscheinlich ein bißchen weiter ausholen.

früher wäre ich nie auf die idee gekommen, daten auf ein technisches gerät auf eine andere art als "direkt" zu überspielen. die daten waren in einer form (programm-listing, midi-datei, vinyl, ..) vorhanden und mußten in ein gerät bzw. medium gebracht werden. dies geschah über ein kabel, einen laser, eine nadel, abtippen – jedenfalls auf direktem wege. analoge daten wurden ggf. digitalisiert, digitale daten konnten – logischerweise und vor allem ganz ihrer natur entsprechend – verlustfrei "kopiert" werden. keiner störte sich daran, war es doch naheliegend und konsequent.

inzwischen wurde eine mittelbarkeit eingeführt, die mich irritiert. oder besser gesagt, es irritiert mich, daß sich niemand (jedenfalls: fast niemand) daran stört. hätte man uns früher erzählt, eine musikdatei "dürfe" man nur soundsooft abspielen, wir hätten denjenigen ausgelacht. digitale daten, nullen und einsen. die kann ich so oft abspielen, wie ich will, notfalls programmiere ich mir dafür selbst software. software, die mir ein abspielen nicht gestattet, ist defekt oder eben für diese aufgabe nicht geeignet. sich von einer software, einem "drm"-system oder anderen marketing-fritzen auf der technischen seite bevormunden zu lassen, nicht mal diese möglichkeit ist uns damals eingefallen.

blogger-lieblingsthema klingeltöne: auch hier, das gleiche phänomen. ein "klingelton" besteht, im weitesten sinne vergleichbar mit einer midi-datei, aus einem "notenblatt", einer anweisung, welche töne wann und wie lang und wie laut abgespielt werden sollen. diese klingeltöne hat man früher selbst-"komponiert", entsprechende textfiles (rttl-format, anyone?) oder midi-dateien auf direktem wege in das telefon geschubst (kabel, infrarot, wie auch immer) – und wenn wir ein betreiberlogo haben wollen, haben wir uns mit einer bildbearbeitung hingesetzt, ein 72x18 pixel großes monochromes bitmap erzeugt und das auf ähnlichem wege ins telefon geladen. daß man solche kunstwerke seinen freunden dann auch per sms schicken konnte, führte zu einem gesteigerten technischen interesse (umsetzung von 8bit nach 7bit, anfallende datenmenge, sms-kosten, usw.), aber im traum dachten wir nicht daran, daß jemand in hinreichendem ausmaß jemals damit geld verdienen könnte, indem er mit solche einem business wirklich kohle macht. wenn mein telefon mp3-dateien (als klingelton) prinzipiell abspielen kann, wieso denken so wenige leute dann daran, sich ihren "klingelton" selbst aufzunehmen? [in ordnung: statussysmbol, jugend, clique, das ist wieder ein anderes thema. zugegeben.]

es geht mir gar nicht darum, daß alle menschen nerds sein sollen und jedes bit in ihrem rechner persönlich kennen. es geht mir auch nicht mal darum, daß man sich für so etwas interessieren müßte. könnte. dürfte. es geht mir fast nur darum, daß ich den einzug dieser mittelbarkeit beobachte, der mir sorgen macht: keiner wundert sich mehr darüber, daß musik im netz mit hör-berechtigungs-scheinen verkauft wird. niemand kommt ins grübeln, was er dabei genau tut, wenn er versucht, eine "kopiergeschützte" cd abzuspielen (und der datentrack mit autorun und windows-playersoftware eingreift). niemand mehr denkt darüber nach, was er da genau tut, wenn er eine mp3-datei erstellt, sondern man freut sich über "data beckers mp3-toolbox" und merkt nicht mehr, was man da jeweils tut. alles wird verkapselt, alles wird versteckt, verschleiert. dinge werden abstrakter, produkte werden abstrakter, güter werden abstrakter (früher die cd, heute das recht zum anhören). ich will keine kommandozeilenorgie, um ein wav-file nach mp3 zu konvertieren, aber ich will mehr als einen "button", auf den ich "die cd ziehen" muß, und schwups ist ein verkrüppeltes wma-file entstanden, daß "mp3" im vornamen trägt, nur weil das die erwartungshaltung der zielgruppe ist und der rest nicht mehr interessiert.

die jugend von heute (daß ich sowas mal schreiben und es ernstmeinen würde!?) bekommt eingeimpft, das sei normal. handy-melodien "kauft" man bei jamba, musik bei itunes für den ipod, das copy-control-logo auf musik-cds wird zur normalität, .. und all das fängt sogar schon an der stelle an, an der ein windows per default nach der installation die datei-extensions im explorer ausblendet). keiner merkt mehr, was er tut, wenn er etwas tut, und niemanden stört das. das wiederum stört mich.

ich befürchte, ohne allzu dramatisch klingen zu wollen, im lauf der nächsten 10–20 jahre, einen verlust gewisser grundlegender kulturtechniken aus dem bereich technologiekompetenz, die "hätten entstehen können", wenn man verschiedene tasks mal mit einem hirn angeht anstatt per magix-software. eine dvd soll ich nicht "kopieren" können? wieso nicht? weil mir meine hardware vorschreibt, ich dürfe es nicht? es geht hier gar nicht um den rechtlichen aspekt – aber der glaube daran, das müsse so sein, das nicht-mehr-ahnen, daß das alles auch anders geht – gehen sollte – das macht mir langsam wirklich zu schaffen.

auf lange sicht führt genau dieses fehlen von hinterfragen alltäglicher aufgaben zu gleichgültigkeit im größeren umfang. kameraüberwachung ist notwendig. sagen "die alle". in ordnung, ich hab' ja nichts zu verbergen. der internationale terrorismus bedroht deine kinder, deswegen müssen deine telefonate abgehört und kontoauszüge kontrolliert werden? nur zu. wird schon stimmen. und es mag in der tat ein gewagter schluß sein, vom einem kontrollverlust über seine klingeltöne und musikdateien argumentierend auf den großen lauschangriff zu kommen, aber – ich bin mir sicher, daß die "gleichgültigkeit im volk" ähnliche wurzeln hat. die skepsis geht verloren, die unmittelbarkeit zu den dingen, die neugierde, das hinterfragen – und all das halte ich mit meinen zarten knapp 30 jahren, ohne philosophisch gesellschaftlich kritischen studien-hintergrund, für weit mehr als nur bedenklich. (und wenn ich in diesem ganzen kontext auch noch nur ansatzweise über die möglichkeiten/gefahren von rfid nachdenken würde, müßte ich wahrscheinlich weinen.)

ich beginne angst zu haben vor dem tag, an dem die jugend "vergessen" hat, wie das früher, um die jahrtausendwende herum, alles war (und: ich bin mir fast sicher, das werde ich -zeitlich- noch locker miterleben). wie technik funktioniert. daß man sich nicht von seinem kühlschrank vorschreiben lassen muß, was (und wo) eingekauft wird – und daß "internet-telefonie" kein produkt von avm, skype oder 1&1 ist, das in einer roten box kommt, an die man vielleicht sein certified-wireless-phone hängen darf, sondern was da jeweils drinsteckt. was da passiert, wenn eine dvd "abgespielt" wird. zumindest in grundzügen. ich habe angst vor dem tag, an dem die gutgläubigkeit überhand nimmt. und wenn ich jemals kinder haben sollte, werden ebendiese dinge – namentlich skepsis, neugierde und das hinterfragen von sachverhalten – an oberster stelle in ihrer erziehung stehen. in jedem bereich, vom kochen über die politik bis zur kunst. anything that keeps us from verblödung.

("mami, was bedeutet kulturpessimismus?" – "frag' google.")

 

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