kuttner on ice, columbiahalle, 20051217 & david judson clemmons, knaack, 20051216

der kontrast, wieder, zwischen den großartigen wochenenden und dem normalen darauffolgenden montag: man kann eigentlich fast dazu übergehen, ein zurückliegendes wochenende nach der montagsstimmung zu bewerten – je mieser dann, desto besser war's. und ich fühle mich heute wirklich sehr scheiße, auf so vielen verschiedenen ebenen.

kuttner on ice bannerkuttner on ice, zum zweiten mal, in der columbiahalle. dreieinhalbtausend sehr unentspannte und sehr junge menschen (das mit der entspannung legte sich irgendwann im lauf des abends, das mit dem alter nur bedingt); vier bands auf der bühne (the good life, the coral, art brut und maximo park); eine herzzerreißend charmante festivalnamensgebende moderatorin; eine menge emo-streß und schulparty-atmosphäre drumrum und viel eigentlich-sollte-ich-ja-dringend-alkohol-trinken-stimmung; nora tschirner an den törntables; und, – ach. wie wunderbar, alles.

das beeindruckende an art brut ist ja, daß ich deren cd noch immer für langweilig halte. funktioniert bei mir einfach nicht. hat sie bisher nicht, wird sie nicht mehr. und dann stehen diese herrschaften da auf dieser nur ganz leicht zu groß geratenen bühne, und ich fühle mich wie im märz bei mando diao. nicht, was den musikstil angeht, aber mit dem gleichen "huch!"- bzw. "wow!"-effekt. ich will nie so alt werden, daß ich die begeisterungsfähigkeit für musik verliere, ganz egal, wie "erwachsen" man das dann nennt. in momenten wie diesen, wenn praktisch die gesamte columbiahalle ausflippt (übrigens ein begriff aus meiner jugend – wie nennt man das denn heutzutage? steil gehen? crazy tun? gaga sein?) fehlt nicht mehr viel zum crying in public, und eigentlich tut man's nur deswegen nicht, weil es nicht so richtig zur stimmung der musik paßt und es keiner verstehen würde, wenn man da heulend in der menge steht, nur weil man gerade so momentglücklich ist. das hebt man sich dann für den heimweg auf und die musik daheim und das zurückdenken an den samstag, von sonntag aus. wie bei mittelstufenparties eben.

maximo parkauch bei maximo park. die band zuerst nicht ganz so plötzlich auf der bühne wie art brut, zuerst noch mit ein klein wenig mittelbarkeit, aber spätestens nach zwei songs dann breites grinsen (statt glückseligem flennen), kollektivhüpfen und spontane anfälle von "ich mag ja auf einmal menschen, was ist denn mit mir los?". obwohl ich nicht mal in der ersten reihe vorn stand. aber bei denen wiederum funktioniert ja auch die platte (bei der ich es ja bis heute nicht ganz verkraftet habe – liebevoll gemeint -, daß sie bei warp erschienen ist). fünf schick-angezogene herren mit großartig sexiem british accent (bis hierhin noch kein unterschied zu art brut) und stylishem (aha!) schrammelrock, inklusive melodien (aha2!). indiepopmädchen ™ dieser welt bekommen ein eigenartiges leuchten in den augen, indiepopkerle vielleicht auch, und da maximo park im gegensatz zu den abertausend franzl ferdinands, die derzeit die musikwelt langweilen (oder mich zumindest), richtige songs schreiben können anstatt einfach "nur" rumzurocken, funktionieren sie bei mir auf einer ganz anderen ebene. die band ist gut, sie ist nicht nur gut drauf. sowas erleichtert einen ja geradezu heutzutage. daß es sowas eben doch noch gibt.

(the good life und the coral waren übrigens auch anwesend, auf dieser bühne, vorher. hatte man aber in diesem moment fast vollständig verdrängt, diesen gedanken. und das ist nicht mal so böse gemeint, wie's klingt.)

maximo parknebenschauplätze: ice für's publikum, und zwar in magnum-form für die vorderen reihen; nora tschirner (die wahrscheinlich einzige frau, die sogar in latzhose einfach atemberaubend gut aussieht) mit einer unerwartet guten musikauswahl (lang lebe electropop und kitschrock, baby!) für die party danach; und ich bin wirklich gespannt, wie oft ich noch die t-shirt-ausziehenden jungen und mädchen ertrage, ohne den song doof zu finden. klappt noch erstaunlich gut, kann aber auch an der dazu ausflippenden (da war es wieder, das wort ..) menge eigentlich viel zu junger menschen gelegen haben. alte säcke wie ich fühlen sich dann einfach so cozy.

kuttner on ice ab sofort also wohl regelmäßig – oder zumindest mehrfach und weiterhin -, das nächste mal wieder im märz, und das ist ja gar nicht mal eine so schlechte idee, wie all die kommerz-aufjauler und massenveranstaltungs-dooffinder schreien werden. darauf entgegnen dann nämlich die musikgutfinder: der eintrittspreis ist geradezu verdächtig niedrig, die bands geradezu verdächtig gut (spürt man ja sofort, wie sich solche lineups anfühlen, immer, von überladenen festivals bis zu der kleinen clubtour mit der band und den zwei local support heroes – ob da der veranstalter ein händchen für sowas hatte), die stimmung geradezu verdächtig angenehm. und ihr festivalhasser, ihr, es zwingt euch ja niemand. wenn jedenfalls das der böse kommerz sein soll, dann mag ich sowieso nie indie gewesen sein, dann fühle ich mich da nämlich ganz wohl.

und spätestens wenn man gegen ende des abends so aus den augenwinkeln, rechts neben der bühne, eine ganz vorsichtig lächelnde und eben dann doch erleichterte sarah kuttner stehen gesehen hat, die in solchen moment verdammt stolz auf sich sein kann, soll, muß – dann bemerkt man, daß es bei kuttner on ice eben nicht um ein festival, ein konzert, ein "event" geht. sondern um musik und deren wirkung. was ja schon ganz prinzipiell und ganz unabhängig vom genre eine wunderbare sache ist.

wie ja auch am abend davor bei david judson clemmons im knaack. identische wirkung wie beim ersten mal, trotz einem mit schlimmsten befürchtungen vollgeladenen kopf (den man ja immer nur dann hat, wenn man von einer sache viel hält und dann die befürchtung entsteht, man könnte sich jetzt dieses gefühl kaputtmachen – nostalgie pervers). und dann dieses kleine mädchen, das bei "to leave this room" so allein vor der bühne stand, so ganz ruhig, so ganz glücklich, so sehr zufrieden, so vollkommen artig und beeindruckt und still, und mit einer träne auf der wange. wenn's nicht so kitschig klingen würde, herrjeh. diese blicke auf bands, diese wirkung, diese auswirkungen eines richtigen songs, einer passenden/angebrachten musik, diese stimmungskonvergenzen, verdammtnochmal. und man steht daneben und ist sofort ganz fürchterlich "geistig verbunden". liebe auf den ersten blick, zur welt, zur situation, zur musik generell. immer wieder.

david judson clemmons jedenfalls, der entertainendste ("our cello player will smash his cello after the concert, because that's what real punk cello players do!") und lockerste aller melanchoholischen rockersäue. der musik macht, die es schafft, ähnlich wie godspeed you black emperor zu klingen, nur irgendwie girattiger und eben mit einer ganz eigenartigen "vollständigen" note.

"er wird eure herzen blutig massieren".

nicht nur er, der morrissey, oder er, der moneybrother, sondern eben er, david judson clemmons, nämlich auch. und vor allem er, der kuttner on ice festival, ganz genauso.

 

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