namenlose geschichte, vor ein paar jahren mal entstanden, als ich tagelang krank im bett lag. merkt man wahrscheinlich.

wer bist du denn?
was fragst'n so doof. du stehst vor einem spiegel.
hmm. mein spiegelbild?
könnte man so sagen.
aber wieso kann mein spiegelbild sprechen?
hey, du hast mich zuerst angesprochen.
wo du recht hast ...
und, wie geht's dir?
müßtest du das nicht automatisch wissen, oh spiegelbild?
klugscheißer.
tut mir leid, bin im umgang mit spiegelbildern noch etwas unsicher, vor allem mit dem eigenen.
also, paß auf, das ist gar nicht so schwierig – ich seh' nur so aus wie du. das ist alles.
und du hast da drin dein eigenes leben?
wenn du das hier in einem 1x2 meter großen zweidimensionalen raum als "leben" bezeichnen möchtest, gern.
wie, du hockst da immer drin?
klar. ich darf mich aber nur zeigen, wenn du vorbeiläufst. weißt du, wie sehr sowas nerven kann?
ich kann's mir vorstellen.
mal ganz zu schweigen davon, wenn du nachts um halb fünf auf's klo gehst und mich aus dem schlaf reißt. und du machst dann nicht mal die augen auf, wenn du hier vorbeischlurfst.
'tschuldigung. werd' in zukunft drauf achten. es gibt leider nur den einen weg ins bad.
schon gut. schlimmer ist ja eigentlich, daß nicht nur du hier drin bist, sondern alle. ziemlich eng.
wie, "alle"?
na, alle, die dich jemals besucht haben oder besuchen werden, deine möbel, alles eben. könnte ja sein, daß sie mal eingeblendet werden müssen.
sekunde ...
ja?
alle, die mich besuchen werden?
logo. oder meinst du, wenn du besuch bekommst, daß wir hier erst die modelkartei durchtelefonieren und jemanden in millisekunden rankarren, nur weil ein klempner bei dir in der wohnung was richtet?
klingt trotzdem komisch.
naja, man gewöhnt sich dran. läuft im prinzip darauf hinaus, daß es hier und in jedem anderen spiegel verdammt eng für uns ist, vom organisatorischen aufwand ganz zu schweigen.
verstehe.
nein, tust du nicht. aber mußt du ja auch gar nicht. ich wollt's nur mal erwähnt haben ...
aber wenn ich nochmal auf die sache mit den leuten, die mich irgendwann mal besuchen kommen, zurückkommen dürfte ...
ja?
heißt das, ihr könnt in meine zukunft sehen?
es gibt keine zukunft. es gibt auch keine vergangenheit. es gibt nur die gegenwart. immer wieder.
versteh' ich nicht.
was ihr menschen "zukunft" nennt, ist nur eine andere gegenwart. eine neue szene. frische kulissen. ihr habt dafür den begriff "zeit" erfunden, um das besser zu verstehen, wir nennen's halt anders.
okay. aber das würde doch darauf hinauslaufen, daß du mir sagen könntest, w..
stop. nein. das würde es nicht. dinge passieren nicht in der zukunft. sie passieren, weil sie passieren müssen.
klingt kryptisch.
ist es auch. die ganz großen geheimnisse darf ich dir schließlich nicht verraten. aber ein paar andeutungen mach' ich halt, damit diese geschichte hier wenigstens irgendeine pointe zu haben glaubt.
also wie war das nun mit der zukunft? kannst du mir sagen, wie ich in 2 jahren leben werde?
das kann ich in zwei jahren, ja.
aber sagtest du nicht, in diesem spiegel da drin wären schon alle dinge, alle erlebnisse, alle menschen, die in meinem leben vorkamen, vorkommen und vorkommen werden, enthalten?
hast du schonmal von dem begriff "schicksal" gehört? ich glaube zumindest, daß ihr das so nennt.
ja, hab' ich.
gut. dann find' dich damit ab.

unser held geht verdutzt und grübelnd ins bad, stellt sich von der badezimmerschrank und fängt an, auf den spiegel dort einzureden. wenige wochen später wird er in eine irrenanstalt eingeliefert.

 

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