scooter, columbiahalle, 20080406, oder: ein versuch über wickedness

es ist ja leider einfach, dinge doof zu finden. verrisse schreiben sich meist wie von selbst, hat man so eine gewisse grundwut im bauch, immer schon im leben, eigentlich muß die dann nur noch hübsch verpackt werden und ein bißchen zynismus hier und ein bißchen distinktion dort drumrum verpackt, fertig ist der oftverlinkte text.

columbiahalle: scooter, tonight leider ist das bei scooter nicht ganz so einfach. /natürlich/ kommt man aus dem anfänglichen lästern über setting und kontext, über publikum und selbstdarstellung erstmal nicht hinaus. ungezählt die "hauptstadtrocker"-jacken; die latent übergewichtigen sekretärinnen mit freundinnen (und friseur-gruppentarif "vogelnest, blondiert"); die aufgeschlossenseinwollenden aber doch nur wegen und mit den kindern hier seienden eltern; die durchen typen und die sonnenbanktussis; und diejenigen, die t-shirts mit lustiggemeinten sprüchen tragen (allen voran "lass uns tanzen oder ficken oder beides", das auch direkt am merchandising-stand verkauft wurde und in beängstigender häufigkeit offenbar vollkommen ironiefrei getragen wurde, selbst von menschen, bei denen sich jegliche der beiden optionen vorzustellen schwierig gestaltet). und die leute, die man – obwohl man sich für konzert-affin hält – noch nie irgendwo gesehen hat, und bei denen man auch das gefühl nicht los wird, daß sie nie irgendwo /sind/.

sehr brandenburg also das gefühl, trotz der vereinzelten leute im publikum mit leichten echt-punk-esken andeutungen oder einfach nur angesichts der paar wenigen mit latenter skepsis im blick, auf die dann sofort wieder die eigene welthoffnung projiziert wird ("der ist bestimmt auch nur zufällig da, oder hat wenigstens auch eine gute ausrede!"). der typ mit der "social distortion"-jacke, das kleine mädchen aus dem magnet, der sänger dieser eher unbekannten aber doch eigentlich recht ernstnehmbaren band. mit denen man sich dann doch irgendwie verbunden fühlt, auf einer sehr abstrakten ebene. man kommt einfach nicht so leicht drüber weg, über die sache mit der distinktion, auch wenn man sich für offen und irgendwiedanndoch tolerant hält. und man jedem auch seine musik gönnt, seine szene, seine freizeitgestaltung, selbst den abgefahrensten und extremsten verrücktheiten. man sich nur wundert über die entfernung voneinander, über den kontrast, die differenz zwischen den (sub)kulturen. über die andersartigkeit dieser welt. ungefähr mit diesem blick, wie man immer früher die beim auto–scooter rumhängenden kids gesehen hat, die den ganzen tag nichts anderes machten als dort und cool zu sein: mit der überzeugung, daß die sicher alle auch eine ganz andere sprache sprechen und so völlig anders /funktionieren/ als man selbst.

aber ein konzert gab's dann ja auch noch. ich war ja noch nie live bei "the dome", stelle es mir aber ungefähr so ähnlich vor: viel pyro, viel laser, viel bombast. effekt und kulisse als dramaturgische hauptpfeiler, irgendwo dazwischen eine band als darsteller und mitwirkende. alles knallt und wackelt und ist zugegebenermaßen beeindruckend auf einer – für kaputtmusikalisierte menschen wie mich, die /so etwas/ nicht ohne verkopfung als konzert genießen können, sondern stetig analysieren und einordnen – eher abstrakten ebene. die oben erwähnten neunzig prozent des publikums denken, das wäre techno, was sie da hören, in wahrheit ist es der perfektionierte el-arenal-soundtrack. ein showcase, eine choreographie an stagedesign und prolltriggern, eine inszenierung für ein nach außen heterogen wirkendes aber in ihrem nicht-stil offenbar erstaunlich homogenes publikum. h.p. baxxter ruft "rock'n'roll", wenn zwei gitarren auf der bühne zu sehen sind, und das publikum hält sich für metaller; h.p. baxxter ruft "oggioggioggi" (oder so ähnlich) und das publikum brüllt wunschgemäß "oi oi oi!" zurück. man fragt sich, wer hier für wen da ist.

denn in all dem "dorfdepp reversed"-gefühl, das man so hat, wenn man sich nicht als teil der menge sieht sondern vielleicht eher als den einen geisterfahrer in der masse, wird man auch partout das gefühl nicht los, daß man hier zeuge von etwas ähnlichem wird, was bei einer religion bzw. sekte abläuft: womit wir wieder auch wieder begrifflich bei "the dome" wären. effekthascherei und nebel, fitneßstudiobunnies und dürre baggypants-spacken als bühnentänzer, quiekendes und nie so /richtig/ im takt klatschendes publikum, dazu gefühlte millionen von mobiltelefonkameras – nicht mal auf's bier-holen kann man sich da konzentrieren, und ausnahmsweise liegt das nicht am alter, sondern am durchkalkulierten overkill, der hier gefahren wird und dem man nicht entkommt. scooter covern "walking in memphis" und nur ganz wenige (erkennen es und) grinsen, scooter verwenden eine strophe aus lützenkirchens "drei tage wach" und fast keiner findet das ironisch, scooter covern "marian" von den sisters und das publikum fällt weisungsgemäß ("jetzt mal gothic!") in depri-starre. das irritierende an einem konzert von scooter ist, daß wirklich penibelst alles nichtmusikalische verstärkt wird – der abend besteht fast ausschließlich aus effekten und fassaden, und niemand scheint das zu bemerken, außer den jungs von der band selbstverständlich. denen man /dafür/ wirklich und ehrlich die hand schütteln müßte, auf ein ein paar biere einladen, oder einfach mal ohne mikrofon oder kamera reden nur um den verdacht bestätigt zu sehen: das ist ein job, was die jungs da machen, aber keine musik.

das schlimme ist aber, daß man's eigentlich gar nicht so doof fand. klar, ein "konzert" ist was anderes, laut der eigenen musikalischen sozialisation und erwartungshaltung müßte dazu doch wenigstens ein kleines bißchen kreativität bzw. idee versteckt sein, und die veranstaltung sollte vielleicht auch selbst den anspruch haben, ein konzert sein zu wollen. den hat ein scooter-abend wahrscheinlich nicht. aber mit einer gewissen distanz betrachtet, immer auch guy debord im hinterkopf und das eigene latente distinktionsbedürfnis wahrnehmend aber nicht allzusehr auslebend (höflichkeit, ey!), .. – doch, dann ist sowas schonmal ganz interessant.

reicht jetzt dann aber auch wieder für ein paar jahre mit dem kirmesgedudel.

(naja, gut – dj bobo vielleicht nochmal irgendwann,
falls sich die gelegenheit ergibt.)

 

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