demütigungsmaschine

und vielleicht ist ja auch immer noch nicht genug gesagt über castingshows. vielleicht ist bereits alles kulturwissenschaftlich analysiert worden, als untergang des manchmalsogenannten abendlandes bezeichnet, als seltsame progressivität von medien und popkultur behandelt, als lauf der dinge, als "aber immer noch besser wie" irgendein anderes dreckiges nachmittagsformat. und vielleicht stimmt das ja auch alles, mit der rolle von dieter bohlen und der selbstinszenierung von diesem tanzlehrertypen auf pro7.

aber vielleicht, vermutlich, wahrscheinlich ist auch noch nicht ausreichend haß ausformuliert worden über diesem dreck, der sich "popstars" oder "dsds" nennt, und in dem die teilnehmenden kids werte vermittelt bekommen, noch viel subtiler als indem sie sich anbrüllen lassen, sondern: da wird doch ein weltbild propagiert, das so einfach gestrickt ist, es ist zum davonrennen. da wird aus dieser "jeder kann zum star werden"-sloganscheiße ein konstrukt, nach dem die kids zu leben beginnen, in jedem kleinen detailbereich ihres sozioversums. und ehe man sich versieht, haben die kleinen scheißer vergessen, was banden sind, wie man subversiv ist (und warum man das sein sollte), wie man spürt ausgebeutet zu werden bzw. (und) was mobbing bedeutet, und viel allgemeiner noch, sie verlernen (bzw. lernen es erst gar nicht, vom leben), welche menschen so eine (also: diese) gesellschaft steuern und regulieren und wieso das ungesund ist, für alle beteiligten. sie bekommen vermittelt, duckmäuser zu sein zu wollen (aber das natürlich anders zu nennen, klar). ein weltbild, in dem hierarchien wichtig sind und "werte" preisschilder sind und "ziele" awards und "selbstbestimmung" die fernbedienung. in dem alles einfach und überschaubar gestrickt ist, weil die zielgruppe nur penetrant genug vorgemacht bekommt, das wäre erstrebenswert.

(man muß sich doch nur die standard-antwortfloskel anhören auf die standard-klischeefrage, warum "gerade du" angeblich der/die "richtige ist" für die im jeweiligen tv-format beworbene medienhurenkarriere: "weil ich es mir so sehr wünsche" und "weil es mein absoluter traum ist". und mal ganz abgesehen von der kognitiven fehlschaltung (die ja nur wieder zu "früher war alles besser" führt) – hat irgendwann mal einer dieser jury-/moderatoren-penner darauf hingewiesen, daß das keine antwort auf die frage ist? daß es aber natürlich genau die antwort ist, die man im fernsehen (als "fernsehmacher") haben möchte, um einen kitschigen hans-zimmer-score hinter den miesen (weil durchschaubaren) schnitt zu legen?)

vermutlich ist "format" als oberbegriff für diesen mist ja doch wieder sehr passend. und es ist natürlich auch eine binsenweisheit, daß seltsames und ausgefallenes nicht dorthin paßt, wo glattgebügelt und präsentiert und verkauft werden will. genaugenommen ist überhaupt nichts an diesem konstrukt überraschend (und daher, noch genauer genommen, auch nicht mal zu verurteilen, jedenfalls nicht von außen), und in letzter konsequenz und aller liberalität, die ich mir oft auf die fahnen schreibe, also: mit einer "jeder, wie er mag"-einstellung, gibt's an all dem natürlich nichts auszusetzen. aber traurig finden, daß es so läuft – das gesteh' ich mir dann ja doch wenigstens noch zu. denn manchmal nimmt das ganz schön überhand, mit der traurigkeit: beim wahrnehmen von miteinander interagierenden jugendlichen in der s-bahn; beim blick darauf, wie werbung zur zeit gestaltet ist und auf welche emotionen und affekte sie abzielt; überhaupt fast immer dann, wenn ich aus meiner szene raus- und in die restwelt rein-gehe, und dabei mal die augen und ohren aufmache. da ist vieles im argen, und vieles davon wiederum nicht ausschließlich resultat, aber mindestens doch symptom u.a. dieser wertevermittlung.

(und wenn ich mich, in ein paar wochen, erst mal wieder warmgeschrieben habe, kann ich das alles eventuell auch so ausdrücken, daß es fundiert klingt und nicht einfach argumentativwacklig im raum herumsteht.)

 

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