gesunde, menschenverstand!

der gesunde menschenverstand ist uns angeboren, aber abhanden gekommen.

mit "uns" meine ich natürlich "euch" bzw. "sie", aus polemischen gründen muss ich aber dramatisieren und benutze dazu rhetorische banalitäten, die die bezeichnung rabulistik noch nicht mal verdient haben – egal, das ist ein anderes thema. der gesunde menschenverstand jedenfalls, dessen verlust in der folgenden plattformulierten schmähschrift kurz beklagt werden soll, ist nicht deckungsgleich mit "guter erziehung" (erlernt bzw. anerzogen) oder "instinkt" (umgangssprachlich bauchgefühl), er ist vielmehr eine stufe weiter oben angesiedelt in der affekthierarchie: er ist vielmehr das gespür zur subjektiv-rationalen einschätzung einer lage. er ist der chef des bauchgefühls.

"aha, subjektiv!", da tanzt der argumentative hase mit dem pfefferkorn, werden jetzt diejenigen schreien, die sich in den folgenden absätzen angegriffen fühlen: "subjektiv ist das gegenteil von objektiv und ein objektiv kann ich mir nicht leisten, ätschbätsch". meinetwegen: jede quatschentscheidung kann natürlich im nachhinein als "subjektiv so beabsichtigt" bezeichnet werden (lies: "ich wusste ganz genau, was ich tue, als ich diesen monster-burger in meinen magen reingequetscht habe", oder "selbstverständlich weiss ich, dass der stau sich nicht auflöst, nur weil ich wie bekloppt hupe, aber ich wollte es trotzdem tun"), aber dann halte ich gegen mit dem, was wir hoffentlich alle einmal als sogenanntwerdenwollenden "kategorischen imperativ" kennengelernt haben und antworte "jetzt wartet doch erstmal ab, worauf ich hinaus will". subjektivität nämlich muss ja nicht zwangsläufig auf egoismus bzw. egozentrismus und borniertheit hinauslaufen. eine individuelle (aha!) entscheidung zu treffen, die, und da kommt das bauchgefühl wieder ins spiel, die richtige für einen selbst und das unmittelbar davon betroffene umfeld sein könnte, – das ist jener gesunde menschenverstand, den ich vermisse. der olle haudegen kant hat ja auch keinen generellen objektivismus, kein allgemeingültiges 10-gebote-programm, gemeint. sondern eigentlich nur das einschalten dessen, was einem durchschnittlich sozialisierten menschen der affekt und die fähigkeit zur beurteilung von mitmenschen und situationen sagen sollte. also: subjektiv nicht im sinne von "jeder macht seins", sondern "jeder macht mal bitteschön, was sinnvoll erscheint".

denn: da hört man politiker reden, über dinge, die sie nicht verstehen, aber eigentlich auch über alles andere, und fragt sich permanent, wann die so geworden sind. da sieht man menschen rauchen, in den unmöglichsten situationen, aber eigentlich in allen, und fragt sich, ob diese unlogische und traurige art, sich zur wurst zu machen, diese von einer mischung aus tabaklobby-werbungs-lifestyle und körperlicher sucht verursachte stullizität, ob rauchen also wirklich irgendein mensch tun würde, der mal darüber nachdenkt, was er eigentlich gerade tut. da trifft man menschen im straßenverkehr, die verkniffen und manisch miteinander umgehen, gerade so als wären sie im krieg miteinander oder als gäbe es irgendeinen preis zu gewinnen. da sieht man, wie sich menschen ernähren – und damit meine ich nicht die armen schweine, die sich nur lidl leisten können, sondern die familien, die "sonntags essen gehen" und damit mcdonald's meinen. da sieht man menschen, die stolz darauf sind, dinge nicht zu wissen (wohlgemerkt: es geht um das damit-angeben), und menschen, die – generell – auf "ihrem recht beharren", in allen möglichen situationen, nur "weil sie im recht sind". und menschen, die an astrologie, teleshopping, religion, homöopathie oder uri geller glauben, weil sie irgendwann einmal abtrainiert bekommen haben, darauf zu hören, womit einen die innere stimme in diesen momenten geradezu anbrüllt. weil ihnen die fähigkeit zur beurteilung dieser situationen abhanden gekommen zu sein scheint.

kaum jemand befolgt mehr einen kleinen, persönlichen, individuellen, meinetwegen sogar un(ter)bewussten wertekanon für und mit sich selbst. ich glaube, das finde ich ein bisschen schade. für diejenigen.

"gesunder verstand" ("bon sens") ist die natürliche (schon ohne besondere ausbildung wirksame) auffassungs- und beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende denken.

(– rudolf eisler, wörterbuch der philosophischen begriffe, zit. nach wikipedia)

ja, so ganz im vertrauen: nicht einmal ich, der kleine großkotz hier, bin perfekt. alle rauchenden, horoskoplesenden politiker, im straßenverkehr hupend auf dem weg zu mcdrive, dürfen jetzt aufhören zu lesen und sich bestätigt fühlen. und die anderen klugscheisser, die selbstbestimmung mit egoismus verwechseln, meinetwegen auch. aber auch das meinte ich weiter oben mit der subjektivität: wenn man wenigstens eine entscheidung getroffen hätte, so zu leben, wie man lebt, in einem bestimmten moment, mit einer begründung (vor sich selbst), die über opportunismus oder zickigkeit hinausgeht. wenn man ein bisschen abgewogen hätte, oder wenn einem wenigstens noch bewusst wäre, dass man ein bauchgefühl besitzt. wenn man vielleicht nicht direkt auf konservativ-kitschige "alte tugenden" abfährt, aber sich doch wenigstens manchmal überlegen würde, ob sich etwas schickt oder nicht. ob eine sache angebracht ist oder nicht. ob sie gut tut.

der gesunde menschenverstand, den ich vermisse, ist jedenfalls der, der dazu führt, dass man die grimmig guckende verkäuferin anlächelt. oder ihren grimmigen blick wenigstens ignoriert. der gesunde menschenverstand, den ich vermisse, ist der, der zu relaxtheit führt. der einen dinge nicht tun (also: sein) lässt, die man "zwar dürfte", aber der einen spüren lässt, dass man eben auch nicht immer auf seinem recht beharren muss. der gesunde menschenverstand ist der, der einen neue erfahrungen machen lässt, der "das bauchgefühl steuert", der den umgang mit anderen leuten einfacher macht (und, in der tat: dazu zählt möglicherweise auch, potentielle leser nicht als klugscheisser zu beschimpfen). der dazu führt, jemanden anzurufen, anstatt einen beschwerdebrief zu schicken. der einen nicht geld ausgeben lässt für dinge, die wegen eines aufgestickten logos dreimal soviel wie vorher kosten. der einen immer mal wieder daran erinnert, dass das leben an sich doch ziemlich einfach ist. der gesunde menschenverstand ist das, was einem die welt auf einen schlag ein bisschen plausibler vorkommen lässt.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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