vermutlichkeit

wahrscheinlich wusste auch die "faz" nicht so recht, was sie an einem "tag der offenen tür" im hauptstadtbüro zeigen oder vorführen sollte. aber ard, zdf und der bundestag machten auch mit, wegen der leichtathletik-wm war potentielle zielgruppe in der nähe, und schönes wetter war angekündigt – nichts naheliegenderes also, als die türen des ehrwürdig-imposanten gebäudes mit vollklimatisiertem innenhof in der berliner mittelstraße ein kleines bisschen zu öffnen und – ja, was eigentlich?

ach, podiumsdiskussionen gehen immer. das mag flapsiger und abwertender klingen, als es gemeint ist – aber ein wenig fragte man sich dann schon, wie das eigentlich so funktioniert mit dem prestige und der außenwirkung, wenn man "frankfurter allgemeine zeitung" ist. ob man bei solchen sachen einfach wegen des namens mitmachen muss; ob vielleicht nur eine der podiumsdiskussionen zuerst geplant war und der rest drumherumgestrickt wurde, damit jene nicht so allein im kontextraum herumfliegt; ob hinter einer solchen veranstaltung sogar bei der "faz" vielleicht eine eventagentur steckt, die innerhalb von – geschätzt – zwei tagen einen notfallplan durchziehen musste, der hübsche halstücher der infostand-hostessen beinhaltete, lustig-wortspielerische speisekartenüberschriften, und – ach, nein, das war's eigentlich schon.

die eine podiumsdiskussion jedenfalls, die latent interessant klang, war die von/zwischen/mit stefan niggemeier und claudius seidl. der eine institution im medienjournalismus, der andere – nun ja, claudius seidl eben, ressortleiter des feuilletons der sonntagszeitung. man sollte sich unterhalten über die "zukunft der zeitung", und – in der tat – es wurde "nett". also: harmlos, kuschelig, konsensig. einigkeit in praktisch allen punkten: das medium zeitung wird – vermutlich – nicht vollständig seine daseinsberechtigung verlieren; die rolle des gedruckten wortes wird sich aber – vermutlich – verändern, weg von der nachrichtlich vermeldenden aktualität, hin zum längeren, ausgeruhten text, hin zum kommentar und hintergrund; das medium "zeitung online" muss sich derzeit und zukünftig unter anderem mit der herausforderung der leser-beteiligung in jeder hinsicht arrangieren, die – vermutlich – eher zu- als abnehmen wird; das "showbusiness" unterscheidet sich zwischen print und online ganz erheblich; onlinemedien stehen nicht im direkten wettbewerb mit/gegen print, sondern man wird sich – vermutlich – irgendwie ergänzen; onlinemedien haben in manchen bereichen (der gestaltung unterschiedlicher texttypen/-formen beispielsweise) einen ziemlichen nachholbedarf; und irgendwie eiert man eben gerade so herum in dieser zwischenzeit, in der alle beteiligten (medien) noch nicht so ganz ihre neue rolle gefunden haben.

das wort "pubertät" stand im raum – synonym für diesen kulturellen übergangsbereich, den die plattenindustrie gerade gegen den rest der welt aufgrund permanenter bockigkeit verliert, und auf den die printmedien offenbar auch gerade zusteuern – nur aussprechen wollte es keiner. man fand sich nett und gut, aber zweck der veranstaltung war ja – vermutlich – auch kein streitgespräch mit konkretem ergebnis, sondern eine bestandsaufnahme beim durchaus leckeren (trotz des albernen speisekartenzettels) kaffee.

was in keinster weise schlimm ist; und was ja auch nur wieder einer veranstaltung der "faz" entspricht, oder besser gesagt der eigenen erwartungshaltung, wenn eine veranstaltung im "faz"-gebäude stattfindet. als wäre die faz die oma der medienfamilie, die oft kluge dinge sagt, selten unkluge, damit manchmal recht und manchmal unrecht hat, der man aber nicht widerspricht, teils aus höflichkeit, teils aus respekt, teils auch aus langeweile. die – vermutlich – golf spielenden, gut gekleideten, aufgeschlossen guckenden mittfünfziger-pärchen aus wilmersdorf-eigentumswohnungen, die den raum immerhin ausreichend füllten, um die veranstaltung als "okay besucht" bezeichnen zu können, nickten zwischendurch, brummelten manchmal, kicherten an den richtigen stellen, und fühlten sich – sowohl von niggemeier als auch von seidl – meistens bestätigt. also bestätigten sie brav zurück, mit netten blicken und respektvoll kurzem schlussapplaus und guter körperhaltung, obwohl sie wahrscheinlich auch zu denen gehör(t)en, die "das internet" in anführungszeichen schreiben, die "ins internet gehen" (und nach ein paar stunden wieder raus), die begriffe wie "datenautobahn" und "cyberspace" noch futuristisch anstatt ironisch meinen.

nur am ende, als zu diskussion und rückfragen aufgerufen wurde, merkte dann eine dieser damen – sehr wahr, sehr korrekt, sehr angebracht und sehr konsequent – an, dass es doch nett gewesen wäre, hätte man das publikum in die vorangegangenen 45 minuten einbezogen. hätte man die kommentarfunktion eingeschaltet, hätte man mitdiskutieren lassen – wenn man schon darüber spricht, dass die entwicklung der medien basisdemokratische züge trägt und man "auf den leser hören" müsse. und auch da konnten dann nur alle zustimmen. schön, wenn man so einer meinung ist.

flanierte man danach beim schönen wetter noch auf unter den linden herum und sah marathonläufer an sich vorbeirennen und hörte man das publikum jubeln und spürte man den "eventcharakter" dieser leichtathletik-wm, die da vor den türen des "faz"-gebäudes gerade stattfand – anhand eines eher klassischen sportereignisses also –, wurde einem all das erst richtig bewusst: dass es, 2009, überhaupt keinen sinn (mehr) ergibt, sportergebnisse einen tag nach der veranstaltung auf papier gedruckt zu lesen. dass es nicht einmal mehr sinn ergibt, "so lange" damit zu warten, warten zu wollen, ein ergebnis zu erfahren – wie man ja auch früher schon im unterschied zwischen denen, die samstagabends "auf die sportschau warten" wollten, und denen, die das spiel schon live gesehen (respektive im radio gehört oder auf teleclub/df1/premiereworld/usw. gesehen) hatten, feststellte. dass es hingegen nicht nur konsequent, sondern geradezu angebracht und fast schon natürlich erscheint, innerhalb weniger sekunden in den "dafür angebrachten" medien ergebnisse zu verbreiten. und dass man dann aber auch im printjournalismus nicht das foto irgendeiner läufergruppe erwartet oder aufstellungen genauer hundertstelsekundenlisten aller läufer, sondern: den perfekt geknipsten zieleinlauf eines weltrekords, in verbindung mit einem mehrseitigen, gut recherchierten, interessanten, tollen text über die gesellschaftliche bedeutung dieser (einer) sportart in kenia oder weißrussland, über selbstwahrnehmung und gefühl eines läufers zwischen kilometer 30 und 40, über "organisation am rande" oder wie ein streckenposten einen marathonlauf wahrnimmt, über politische oder wirtschaftliche hintergründe zu sport und sponsoring in anderen ländern und unterschiedlichen sozialen kreisen. über publikum, oder wie man sich als fan von curling oder snooker fühlt. texte eben, die durchaus stellenweise auch schon in der sonntagszeitung zu finden sind; texte, für die in blogs (oder anderswo online) noch sowohl die mittel fehlen als auch das durchhaltevermögen beim lesen am bildschirm.

um mal die radiometapher zu strapazieren: onlinemedien wie byte.fm, printmedien wie deutschlandfunk beziehungsweise deutschlandradio kultur – das wäre, nun ja, nett. und das ist dann, hoffentlich, unter anderem auch die zukunft der zeitung

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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