rettet die sehnsuchtskultur!

die sache ist aber doch jene: da taucht plötzlich ein schöner begriff auf, aus dem nichts, oder besser gesagt, das nichts hatte plötzlich ausreichend potential, ihn an die oberfläche kommen zu lassen, die zeit war reif, der begriff wollte erdacht, ausgedacht, ausgesprochen, aufgeschrieben werden. der tolle begriff in diesem fall war und ist "sehnsuchtskultur", den eine gewisse melinda davis für sich entdeckte, oder vermutlich ihr agent. jedenfalls ist melinda davis beruflicherdings von ihrem deutschen verlag sogenanntwerdenwollende "trendforscherin" (was ist aus dem schnöden wort "mode" geworden? wieso assoziiere ich "forschung" nicht sofort mit großen sonnenbrillen und bunten hosen? wieso verkneife ich mir, auf die bezeichnung "futurist" näher einzugehen? was unterscheidet einen "trendforscher" von einem marketingschnösel? ist "trendforschung" eine bwl-disziplin oder eher eine der soziologie? wieso hab' ich einen gallenartigen geschmack im mund beim lesen des begriffs? wie komme ich aus der nummer mit der frageaufzählung in dieser klammer jetzt zeichensetzerisch korrekt wieder raus? ...) – melinda davis also jedenfalls, die trendforscherin ist, hat darüber ein buch geschrieben, in dem sie die sehnsuchtskultur – stark verkürzt und vermutlich böse für meine argumentativen zwecke umformuliert, aber sei's drum – ungefähr folgendermaßen beschreibt und erklärt:

wir leben in einer sehnsuchtskultur und haben mittlerweile mehr geistige als materielle wünsche. deshalb sind wir rastlos auf der suche nach dingen, die unsere identität unterfüttern, unser selbstwertgefühl anheben und unserem leben sinn verleihen. dabei bedienen wir uns immer weniger bei klassischen geistigen sinnofferten wie religion und philosophie, sondern entdecken luxus als prinzip der transzendenten selbsterhaltung.

(– christine eichel in cicero)

liebe frau davis, mit verlaub: das ist käse.

zugegebenermaßen: erwartbarer käse, immerhin ist der untertitel des buchs "was wir wirklich kaufen wollen" nicht unbedingt ein tiefenpsychologischer oder gar interessant klingender. kein konkreter vorwurf also. trotzdem: auch materielle wünsche lassen sich doch schließlich auf – im allerweitesten semantischen sinn – geistige abbilden. status, anerkennung, ansehen, liebe, all dieses zeug von dem auch frau davis möglicherweise schonmal gehört hat. triebkräfte des lebens (also "love & death", laut woody allen). ich stelle mal so in den raum (und bin zu faul, das argumentativ mit mehr als dem gesunden menschenverstand zu unterfüttern, hin und wieder aber reicht das ja locker aus): auch den porsche will man nicht haben, weil man porsche so super findet (mal von autoschraubernerds abgesehen), sondern in der hoffnung auf mittelfristig besseren sex.

anders, nochmal: davis behauptet, dieser von ihr so genannte "virtuelle produktnutzen" wäre finaler zweck solcher sehnsuchtsobjekte. was, klar, an ihrem job liegen mag – also, dass trend und mode nun mal zuerst und relativ offensichtlich in produkten sichtbar wird. in bwl-deutsch gesprochen: an der nachfrage nach bestimmten produkttypen und der entsprechenden marktentwicklung lässt sich bestimmt etwas über die volksseele ablesen. aber, und jetzt komm' ich: nicht nur über die volksseele, die glitzerzeug kaufen möchte und die sich einbildet, "glück" wäre das, was rtl als bunte wohnungs-umgestaltung verkauft. der porsche unterscheidet sich kaum von einer schicken krawatte, was den zweck, sogar was den grund angeht. beides ist kulisse, nicht ausdruck eines wollens, sondern eines inszenierens, eines spieles, meinetwegen. "kundensehnsüchte" my ass, nachts in kopfkissen weinende arme würstchen schon eher.

der begriff sehnsuchtskultur ist doch viel zu wunderbar und hat viel zu viel potentielle tiefe, um ihn den sogenannten schlipsträgern zu überlassen – so viel idealismus darf dann doch bitteschön schon noch sein. also: fantasie, mythos, imagination – wie wäre es damit? artefakte von potential und möglichkeit, ausdruck von chance und differenz. konkreter, und nur beispielsweise: musik. als sehnsuchtskultur. wie keine andere kultur lässt die nämlich raum für imagination, oder zweckbezogener gesprochen: für projektion. oder um es mit frau davis' worten zu sagen: für sehnsucht.

musik ist das ausmalen von vorstellungen, nicht nur das ausmalen der unsichtbaren (potentiellen) aspekte, sondern auch das ausmalen und vorstellen des haptischen (auch eine form von sex, übrigens). augenblicke, die etwas versprechen, die noch nichts preisgeben, sondern während denen man nur ahnt und vermutet. sich nähern und verstehenwollen. music was my first love, und nicht mal ich würde "sehnsuchtskultur" ausschließlich darauf reduzieren wollen: aber doch auch nicht nur auf goldkettchen und benzinfresser.

naja. nur ein vorschlag.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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