vier minuten hass, gleich nach der werbung

eine alte nerd-weisheit lautet "alles wird besser mit bluetooth", und befasst man sich nach längerer rezipienten-abwesenheit mal wieder mit dem deutschen fernsehen, so kann man den rest des tages an nichts anderes mehr denken als "wenn es wenigstens usb hätte". das fernsehprogramm an einem durchschnittlichen wochenendnachmittag ist so grauenhaft intelligenzbeleidigend, dass einem der eigene – bereits im kopf entstehende – text darüber schon wie ein einziges klischee vorkommt (zumal sich verrisse aller art ja sowieso immer recht einfach schreiben lassen).

nach nur einer stunde zapping durch "finanzierbare" ("finanzierung", übrigens, ist neuerdings ein synonym für "abstottern", wenn sich bitte ein sprachforscher mal damit befassen könnte?) deko-klunker zum "modepreis des tages" in einem der zahlreichen resterampe-verkaufssender; während im studio nebenan die vergangenheit, gegenwart, zukunft sowie ein paar weitere erfundene zeitformen aus den furzgeräuschen des kabelträgers gelesen werden (nur nennt man es bei astro-tv natürlich anders); derweil auf mtv und viva (beim einen untertitelt, beim anderen – leider – nicht, denn deutsche möchtegern-hip-hopper sind nur einen hauch besser verständlich als englischsprachige nicht-hip-hopper) eine 15-jährige mit drei boys (wer "jungs" sagt, outet sich als jemand, der das fernsehen noch zu zeiten kannte, als ilona christen noch lebte) einen "kuscheltest" macht und danach bewertungspunkte abgibt; während sich auf eurosport der sprecher der leichtathletik-wm an rechtfertigungen versucht, wieso "gehen" als sport noch immer im fernsehen übertragen wird; wenn kabel1 gefühlte 90 prozent seiner sendezeit mit dokumentationen über familien bestreitet, die ohne englischkenntnisse in die usa auswandern möchten, weil die leute/autos/hamburger/fernseher dort viel besser aussehen; und während 90 prozent der restlichen sender mit zoo-casting-verarschgewinnspielen (beziehungsweise kombinationen daraus) offenbar nicht nur umsatz, sondern gewinn machen ...

... hat man plötzlich dieses gefühl wie beim lesen einer ausgabe der "bild"-zeitung: nämlich, dass eine plötzliche explosionsartige auflösung der zeitung, respektive also jener sender, rein gar nichts zur volksgesundheit beitragen könnte, denn es wächst ja sofort wieder einer nach (und wer nur drei minuten "alex", wie der offene kanal berlin mittlerweile heißt, über sich ergehen läßt, muß danach nicht mal mehr weiterschalten auf dsf, wo ralf richter mit fiona erdmann gegen zwei unbekannte moderatoren im kicker gewinnt – oder verliert, ganz egal), wo war ich? genau: löscht man einen sender aus der persönlichen kanalbelegung, rutscht ja der nächste deppenverein direkt hinterher, und das volk lechzt ja offenbar dann doch nach wohnungseinrichtungs-shows, nach von kerner moderierten panel-koch-verkaufs-superstar-shows, nach brennpunkten und frauke ludowig, nach fußball und titten und formel 1 und fäkalwitzen, nach fips asmussen und mario barth. es nimmt kein ende, es gibt kein entkommen.

natürlich: die gutmenschen-ausreden arte, 3sat und phoenix existieren, alexander "dctp" kluge als letzter meuternder mit einem bounty auf rtl und sat1, und manchmal zeigt auch der rbb nachts um halb zwei eine filmperle in deutscher synchronisation, falschem bildformat, mit senderlogo im bild und zuerst beschleunigtem, dann ganz gekapptem abspann. aber: das bringt ja doch alles nichts. das volk verdummt, weil es verdummen möchte, und es möchte weiter verdummen, weil es verdummend angesprochen wird. die schweigespirale ist eine brüllend laute, und die kommunikative augenhöhe sinkt stetig stiefer, aus angst vor überforderung. auf beiden seiten der kommunikationspartner. parallelen zur deutschen politik, übrigens, sind so offensichtlich, dass sie jemand anders herausarbeiten darf, wenn er möchte.

worauf also wollte ich noch gleich hinaus? ach ja: umschalten hilft nur bedingt und die volksseele leidet so oder so. genau genommen hilft nur abschalten, und noch genauer genommen nicht einmal das, sondern höchstens (also: mindestens) das aus-dem-fenster-werfen der "glotze", die entsorgung des problems als ritueller akt. irgendwer muss ja mal anfangen mit dem zeichensetzen. das wird rtl2 zwar nicht beeindrucken, aber der rücken wird ein gutes stück gerader und der blick ein lächelnderer, wenn man danach in den spiegel sieht. versprochen.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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