der perfektionierte kindergeburtstag

ein festival, das mitten in einer stadt passiert – und noch dazu in einer stadt wie berlin, deren einwohner täglich aus gefühlt einigen hundert kulturellen angeboten wählen können –, fühlt sich zwangsläufig anders an als "drei tage staubfressen". und beim berlinfestival ist die sache sogar noch spezieller: nicht nur kommen die besucher hier größtenteils von zu hause anstatt aus einem zelt und sind daher einigermaßen gestylt und frisch geschminkt, auch aber ist die veranstaltung wiederum keine "silvesterparty am brandenburger tor" mit mainstreamig-breiter zielgruppe, sondern eigentlich nur eine sehr große freiluft-version einer gewissen in berlin-mitte ansässigen urban-hipster-indie-szene, die sich in den letzten jahren um clubs wie "rio" oder "scala" bildete. wer also schon beim melt!-festival irritiert war angesichts überdimensionaler sonnenbrillen, gesichtsbemalung in neonfarben oder jungs mit dünnen beinchen und noch engeren jeans, der dürfte beim berlinfestival jeglichen rest an kognitivem widerstand aufgegeben haben: it's kindergeburtstag all over again.

vor- und urteile beiseite: das berlinfestival fand zum vierten mal insgesamt, zum ersten mal auf dem gelände des ehemaligen flughafens in tempelhof, und – nach organisatorischen fehlgriffen bei der wahl der location 2005 & 2006, unerklärlichem besuchermangel 2007 und einer kreativpause 2008 – dieses jahr vermutlich zum ersten mal ordentlich besucht statt. und natürlich war die formulierung "auf dem gelände des ehemaligen flughafens" zwar faktisch korrekt, aber durchaus mitgetragen von latentem größenwahn, passen doch auf besagtes gelände insgesamt locker 100 festivals dieser größenordnung gleichzeitig. das berlinfestival 2009 fand eigentlich "nur im eingangsbereich" statt, einem klar umzäunten und größtenteils überdachten (lies: regengeschützten) teil (– die rhetorische kurve zum "kindergeburtstag" wird hier dem leser zur übung überlassen –) im nordwestlichen bereich des geländes. was zwar einen weiteren teil festivalgefühl zugunsten eines praktischen betonbodens zunichte machte, aber keineswegs unannehmlich war, hatte man erst einmal seine erwartungshaltung korrigiert.

bild: (c) thomas victor / berlinfestival

immerhin: musik gab es auch, und diese war ebenfalls szene- und zielgruppengerecht außerordentlich sophisticated und mit erstaunlich gutem händchen für varianz ausgewählt. auf den spuren des haldern pop festivals (seit einigen jahren eine feste größe im bereich musikalischer innovation, talentförderung – also, der verpflichtung von acts, die hierzulande erst immer 1–2 jahre später eine "große nummer" wurden bzw. werden) wandelte man selbstverständlich noch nicht, aber bereits mit namen wie frankmusik, health, telepathe oder oneida bewies man doch, daß man vor der auswahl der bands seine nase nicht nur in den musikexpress, sondern eben auch in den nme und vor allem in weblogs gesteckt hatte. selbst die headliner kamen aus der reihe der guten, ungewöhnlichen, interessanten: moderat (die beim melt!-festival wegen sturmwarnung ausgefallene kollaboration zwischen modeselektor und apparat), jarvis cocker (als pulp-chef die grande dame des britpop, "solo" mit band auf der bühne eine ausgeburt an coolness und absoluter sympathieträger des zweiten abends), selbst das erscheinen – oder besser "die erscheinung" – pete® dohertys (ex-libertines und seit einigen jahren primär durch absagen und ausfälle der einen oder anderen art bekanntgeworden) an sich war schon ein kleines highlight und, wenn dann auch nicht gerade musikalisch, für die sogenannte klatschpresse ein grund zur berichterstattung. kindergeburtstag mal ganz positiv: innovationsförderung und progressivität. oder zumindest originalität.

der höhepunkt eines kindergeburtstags ist aber natürlich erst erreicht, wenn alle beteiligten durchgeschwitzt und mit knallroten köpfen vom kicken oder einer kissenschlacht kommen und lächeln. zu diesem zweck waren deichkind da. was vor ein paar jahren mal hip-hop war und dann zu einer "großen party" mutierte (vermutlich in der tat beim melt!-festival 2006, als die band zum sonnenaufgang die tragfähigkeit der hauptbühne testete, indem sie nicht vor, sondern –dort– erstmals gemeinsam mit besuchermassen feierten), war beim berlinfestival 2009 der passendste aller denkbaren abschlüsse: der perfekt durchchoreographierte kindergeburtstag am samstagabend auf der hauptbühne, der alle bis dahin noch schräg im hinterkopf sitzenden soundprobleme mit dem hallenecho, überhaupt alle kleinen macken und störungen, die auch ein kleines festival wie dieses nun mal erlebt, in vergessenheit geraten ließ. ein deichkind-auftritt ist die konsequente fortsetzung eines auch an anderer stelle in der musikindustrie aufkommenden neuen basisdemokratischen prinzips: deichkind (deren logo mittlerweile übrigens frappierende ähnlichkeit mit dem der dead kennedys hat) sind aber wahrscheinlich die ersten, die dieses basisdemokratische prinzip "zum wohle aller beteiligten" auch live durchziehen. da wird nicht mehr crowdgesurft, da wird mit schlauchbooten und hüpfburgen durch's publikum gefahren. da wird knallfolie rollenweise ins publikum geworfen, da wird mit liegestühlen und heimtrainern auf trampolinen herumgesprungen, das prinzip "bierdusche" neu definiert, und zuguterletzt – wie erwähnt – eine kissenschlacht gegen, nein, mit dem publikum gefeiert, daß man beim staunen mehrere stufen "wtf!?" überspringt, andererseits aber vor lauter hüpfen und brüllen ja sowieso das hirn leer macht.

natürlich ist das schlimmes kindergeburtstagsniveau, natürlich ist das schwer prollig, natürlich muß man sich nicht zwangsläufig für so etwas begeistern können – im rahmen dieses festivals aber war es passend, angebracht, konnte mit viel fantasie sogar ein kleines bisschen ironisch gemeint interpretiert werden, und selbst wenn nicht: man kann den paartausend menschen in der mainstage-halle auch einfach glauben, dass es riesigen spaß gemacht hat. plumpen, guten spaß. wie so ein kindergeburtstag nun mal ist.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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