liebe piraten.

ich verstehe mich ja als meist eher unpolitischen klugscheißer – also als jemand, der von vielen dingen ein bisschen ahnung hat, von einigen wenigen dingen auch ein bisschen mehr, der aber viele seiner entscheidungen im leben nach bauchgefühl trifft. so auch die stelle, wo das kreuzchen landet, bei den immer mal wieder anstehenden wahlen. die richtige ausgangslage also, um euch ein paar ratschläge zu geben.

das lob vorneweg: ihr seid der erste haufen, bei denen ich in meiner ca. 15jährigen karriere als wahlberechtigter nicht das gefühl habe, mein kreuzchen wäre heiße luft. wie schon an unzählbaren anderen stellen angemerkt: offenbar sind die piraten diejenigen (und offensichtlich die einzigen), die – meinem bauchgefühl nach, und dem bauchgefühl vieler internetfreunde ebenso – für eine sache stehen, die alle anderen noch nicht einmal als wichtig erkannt haben. zum ersten mal vermute, glaube, hoffe ich, dass da gerade eine partei entsteht, die mit mir so eine art seelenverwandtschaft hat – mit menschen, denen man nicht erst erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind. mit menschen, die wissen, was ein browser ist, und die instinktiv "wtf!?" denken, wenn eine frau von der leyen kognitiv durchdreht. (und wegen denen ich mir das exzessive verlinken dieses artikel auch spare – wer mit halbwegs offenen augen durch das netz geht, kennt das piratische repertoire an öffentlichkeitsarbeit ja bereits.)

eure aufgabe wird sein, und auch mit dieser feststellung bin ich nicht der erste, den menschen, denen man erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind, nahezubringen, wieso das so ist. auf einer ihnen – denen, die den begriff "browser" nicht kennen und für die frau von der leyen nur "irgendsoeine ministerin" ist – auf augenhöhe erscheinenden art. ihr solltet (und gerade fühle ich mich ein bisschen wie der weißbärtige opa, der kurz vor dem tod ratschläge und lebensgeheimnisse weitergibt) nicht nur ein wenig von eurer/unserer meinung klarmachen – sondern ein bisschen von dem, was ich schon fast als lebensgefühl bezeichnen wollen würde, was ich gern "gesunden menschenverstand" nenne, der leider so vielen verloren gegangen ist – nicht nur schlipsträgern.

ich halte es für ungesund, nicht skeptisch zu sein. ich halte es für fragwürdig, keine fragen zu stellen. und ich halte es für eigenartig, dinge nicht verstehen oder nachvollziehen zu wollen. anders formuliert: ich glaube, es geht nicht darum, minutiös für den durchschnittlichen spd-wähler aufzuschlüsseln, was in der heutigen bundespolitik falsch läuft, was der begriff "zugangserschwerungsgesetz" genau bedeutet, welche grundgesetze dabei umgangen werden. oder vielmehr: natürlich geht es darum, um all das, aber eben erst später. vorher muss die begeisterung für eine lebenseinstellung kommen. für die dann im verwandten- und bekanntenkreis "geworben" werden muss. menschen, die nicht ganz so, sagenwirmal, progressiv leben wie ihr/wir, müssen – während ihr ihnen sagt, warum die piraten so einen seltsamen namen haben – spüren, dass es euch ein anliegen ist, eine herzenssache, das leuchten in euren augen sehen, wenn es um grundrechte geht. nicht das gefühl haben, dass ein parteiprogramm vorgestellt werden soll, wie es all die anderen spinner im bundestag jahrelang gemacht haben, wenn sie auf interviewfragen antworten sollten.

daher, übrigens, ist "klar zum ändern!" – was offenbar der claim eures wahlwerbespot werden soll – in meinen ohren aber auch nur so eher mittelgut: es erinnert in seiner wortspielhaftigkeit und der zugrundeliegenden einstellung ("es soll anders werden!") an den anfangs-80er-claim "sonne statt reagan!" der grünen, auch irgendwo zwischen unbeholfenheit und weltverbesserungsgedanken getragen und mit relativer nullaussage außer dem klammern an ein irgendwo vorhandenes oppositionspotential. das wird nicht ausreichen, auch nicht, wenn onkel frieda kurz vor der tagesschau in knapp 2 minuten den begriff "geistiges eigentum" erklärt bekommt, denn für onkel frieda ist das eben auch nur wieder "irgendsoeine partei", die da rumwirbt.

rübergebracht werden sollte (und jetzt spricht wieder der weißbärtige opa:) das gefühl, dass es wichtig ist, wofür die piratenpartei steht – und zwar nicht wichtig, um in den bundestag zu kommen, sondern wichtig für – achtung, pathos: – die menschheit und deren grundrechte. erklärt das doch mal so, denen, die sich dafür interessieren: dass es keine sache der argumente ist, sondern eigentlich nur naheliegende, logische, konsequente folge ist von allem, was so passiert und uns umgibt, in den letzten jahren.

also, so würde ich das jedenfalls machen, an eurer stelle.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

 

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