taiwan (2) – die sache mit der selbstwahrnehmung

das mit der eloquenz speist sich in berlin ja offenbar aus meiner schlechten laune, und den humor verwende ich hier in taipeh dann lieber direkt unter den menschen da draußen anstatt in texten. erstere haben's nämlich verdient, die freundlichkeit und das lächeln, denn sie behandeln mich auch so. // und wenn man dann so läuft, durch die fremde stadt, und mit staunen beschäftigt ist und sich noch kurz wundert, wieso einem das alles so angebracht und angenehm vorkommt, wie man /sich selbst/ hier fühlt – also wenn man feststellt, daß die natürliche version von einem selbst ja vielleicht doch nicht die mürrische grübelnde, sondern die locker entspannt grübelnde ist, dann macht einem das nur ganz kurz angst. und sofort danach, rekursion olé, scheißt man drauf und genießt und grinst einfach noch ein bißchen weiter.

[ frank l. | 2008-04-21 | 12:20 | # ]

taiwan (1) – die sache mit der ankunft

überspringen wir doch mal die anreise. oder tun wir wenigstens so, als würden wir die ungewohnte nervosität nicht erwähnen, den 24stunden-brutto-flug, den nervenkitzel bei der ankunft in taiwan bezüglich des vielleicht sogar auch ankommenden gepäcks. überspringen wir mal das zugegebenermaßen ziemlich niedliche onboard-entertainment-system von cathay pacific, die umsteigung im überfüllten stinkenden heathrow ("please allow 120 minutes to travel from terminal 5 to terminal 3") und im sauberen, ruhigen, angenehmen airport in hong kong (in dem gleich ein paar passagiere offenbar aufgrund einer verspätung eine kleine spontandemo organisiert haben, inklusive slogan-skandierung und auf-infocounter-kletterns). überspringen wir auch mal die creepiness der einkaufsquittung von hmv im heathrow-transit-bereich (kopfhörer-adapterkabel, mit karte bezahlt, ohne den boardingpass vorzuzeigen, später dann bemerkt, daß die korrekte flugnummer auf der quittung steht), und überspringen wir nicht zuletzt eingeschlafene hintern und die niedlichen utensilien-packages bei langstrecken-nachtflügen (zahnbürste, socken, schlafmaske, decke).

überspringen wir mal all das und kommen direkt in taiwan an. wo man erstmal ein bis zwei stunden damit beschäftigt ist, sich wie der kleine junge in der großen stadt vorzukommen, also genau wie erwartet, nur irgendwie dezenter und kleinschnäuziger vielleicht. der flughafen versprüht harmlos-leisen ostblock-beton-charme, und auf der fahrt nach taipeh-city hat man stetig das gefühl, als sei man in eine tageslicht-version von bladerunner geraten. staunen in jede richtung und jeder sekunde, aber eben auch, weil man ja noch nie so weit weg von "zu hause" (in berechtigten anführungszeichen) war, und weil man dann leider doch zuerst mal versucht, klischees und reiseführermeinungen wiederzuentdecken. was ziemlicher quatsch ist, so als ausgangspunkt.

taipeh (skyline, kind of)

in wirklichkeit ist ja der kulturschock gar nicht so riesig. nach etwas mehr als 24 stunden aufenthalt hier (inklusive 9 stunden komatösen tiefschlafs hibbeligen außergefechtgesetztseins in form mehrerer schlafansätze) ist man sich nämlich bereits sicher, noch nirgendwo so freundliche und angenehme menschen getroffen zu haben wie hier in taipeh. vielleicht ist das lächeln ja doch nicht nur konvention, sondern ernst- und ehrlich gemeint. ja, die straßen sind voller als in berlin, manchmal, aber nirgendwo unübersichtlich (wenn man nicht gerade den stadtplan falschrum hält, aber selbst dann stehen innerhalb von 10 sekunden hilfsbereite familien neben einem, die ihre hilfe anbieten). ja, das essen sieht manchmal ein bißchen sonderbar aus, und aus den steckdosen kommen nur 110 statt 220 volt. und die schrift ist eben ungewohnt. aber sonst? instant-wohlfühlung, wie man (also: ich, klar) sie noch nirgendwo auf dieser welt bisher erlebt hatte. ich würde ja gern abgeklärter klingen. ich würde gern irgendwelche textbausteine mit beta-kryptik verwenden und ich würde gern tiefgründige anspielungen machen. aber nach 24 stunden bin ich erstmal nur plain old begeistert: es ist wirklich, wirklich toll hier, soweit ich das beurteilen kann. man fühlt sich sicher, willkommen und ungestreßt. es gibt unfaßbar viele putzige dinge zu entdecken, und das klassische sightseeing steht ja auch noch bevor, und ein paar kleinere pflichten am rande. vielleicht ändert sich also noch die eine oder andere einschätzung. aber ich würde nicht drauf wetten. wenn ich schon nach dem ersten tag gern hierbleiben würde.

(nur die eloquenz muß kurz mal neu booten. wenn man so beschäftigt ist mit tollfühlen und wohlfinden. aber das bekomm' ich noch hin.)

file under: "siehe auch hier drüben", in den nächsten tagen.

[ frank l. | 2008-04-21 | 11:48 | # ]

in deckung: reiseberichte voraus // we return to our regular programme of basically nothing much on may, 2nd

wenn die eigene hibbeligkeit stärker ist als das verschreibungspflichtige schlafmittel, mit dessen hilfe man mitten in der nacht eigentlich ausgeruht aufstehen wollte, bevor man den brutto-21-stunden-flug antritt: dann drückt das ungefähr aus, wie noch-nie ich bisher am anderen ende der welt unterwegs war, und wie tollnervös ich wegen des erwarteten bzw. erhofften dorfdepp-gefühls sein werde. aus der eigentlich immer als "große stadt" bezeichneten heimat bin ich in den kommenden 12 tagen nun also mal nicht nur raus, sondern auch noch rein in eine viel größere und mir bisher nullbekanntere metropole asiens. ich werde viel berichten, hier (und dort), glaube ich – oder vielleicht auch gar nicht, aber in beiden extremfällen und jeder denkbaren zwischenstufe gilt eigentlich: es geht mir gut. entweder in dem detail, das ich beschreibe, oder wegen der tatsache, daß ich gar nicht zum schreiben komme. wir werden sehen. zum staunen und wahrnehmen, zum spüren und tun, zum weltverbessern und blickerweitern bin ich jedenfalls dort, in taiwan.

[ frank l. | 2008-04-18 | 21:27 | # ]

i fuck as little as everyone else -- bronco

[ frank l. | 2008-04-11 | 11:22 | # ]

interdiscounterale beziehungen

schnaufend und mit zettelchen/stift-kombination in der hand wackelt sie auf die neben mir stehende und käseregal-einräumende rewe-mitarbeiterin zu. die frage "entschuldigung, arbeiten sie hier?" wird von jener zum glück nicht als vorwurf, sondern eher als naivität bewertet, sie bleibt also freundlich.

ob es hier freie ausbildungsplätze gäbe, fragt die ungefähr 16jährige mit dem hochroten gesicht und dem fragwürdigen haarschnitt (vorne lang, hinten schräg, mit pinken accessoires durchsetzt, deren motive sich als badges auf der jeansjacke teilweise wiederfinden). ihr rucksack hängt kurz vor den kniekehlen, ihr blick oszilliert zwischen den augen der gesprächspartnerin und dem gouda hinter jener. leider nein, keine ausbildungsplätze, und selbst wenn, liefe die vergabe über die rewe-zentrale, sie möge es doch bitte dort mal versuchen, aber (und dieses aber kommt unerwartet laut und mit unerwartet langgezogenem "a"): bei lidl nebenan könnte es klappen, die suchen immer leute und da schickt sie ganz oft welche hin, die dann dort später eine ausbildung machen. sagt sie.

ich bilde mir ein, ein süffisantes grinsen im gesicht der rewe-dame zu bemerken, nach übertriebener beidseitiger bedankung und floskelverabschiedung. so langsam wundert mich echt nichts mehr.

[ frank l. | 2008-04-08 | 19:02 | # ]

scooter, columbiahalle, 20080406, oder: ein versuch über wickedness

es ist ja leider einfach, dinge doof zu finden. verrisse schreiben sich meist wie von selbst, hat man so eine gewisse grundwut im bauch, immer schon im leben, eigentlich muß die dann nur noch hübsch verpackt werden und ein bißchen zynismus hier und ein bißchen distinktion dort drumrum verpackt, fertig ist der oftverlinkte text.

columbiahalle: scooter, tonight leider ist das bei scooter nicht ganz so einfach. /natürlich/ kommt man aus dem anfänglichen lästern über setting und kontext, über publikum und selbstdarstellung erstmal nicht hinaus. ungezählt die "hauptstadtrocker"-jacken; die latent übergewichtigen sekretärinnen mit freundinnen (und friseur-gruppentarif "vogelnest, blondiert"); die aufgeschlossenseinwollenden aber doch nur wegen und mit den kindern hier seienden eltern; die durchen typen und die sonnenbanktussis; und diejenigen, die t-shirts mit lustiggemeinten sprüchen tragen (allen voran "lass uns tanzen oder ficken oder beides", das auch direkt am merchandising-stand verkauft wurde und in beängstigender häufigkeit offenbar vollkommen ironiefrei getragen wurde, selbst von menschen, bei denen sich jegliche der beiden optionen vorzustellen schwierig gestaltet). und die leute, die man – obwohl man sich für konzert-affin hält – noch nie irgendwo gesehen hat, und bei denen man auch das gefühl nicht los wird, daß sie nie irgendwo /sind/.

sehr brandenburg also das gefühl, trotz der vereinzelten leute im publikum mit leichten echt-punk-esken andeutungen oder einfach nur angesichts der paar wenigen mit latenter skepsis im blick, auf die dann sofort wieder die eigene welthoffnung projiziert wird ("der ist bestimmt auch nur zufällig da, oder hat wenigstens auch eine gute ausrede!"). der typ mit der "social distortion"-jacke, das kleine mädchen aus dem magnet, der sänger dieser eher unbekannten aber doch eigentlich recht ernstnehmbaren band. mit denen man sich dann doch irgendwie verbunden fühlt, auf einer sehr abstrakten ebene. man kommt einfach nicht so leicht drüber weg, über die sache mit der distinktion, auch wenn man sich für offen und irgendwiedanndoch tolerant hält. und man jedem auch seine musik gönnt, seine szene, seine freizeitgestaltung, selbst den abgefahrensten und extremsten verrücktheiten. man sich nur wundert über die entfernung voneinander, über den kontrast, die differenz zwischen den (sub)kulturen. über die andersartigkeit dieser welt. ungefähr mit diesem blick, wie man immer früher die beim auto-scooter rumhängenden kids gesehen hat, die den ganzen tag nichts anderes machten als dort und cool zu sein: mit der überzeugung, daß die sicher alle auch eine ganz andere sprache sprechen und so völlig anders /funktionieren/ als man selbst.

aber ein konzert gab's dann ja auch noch. ich war ja noch nie live bei "the dome", stelle es mir aber ungefähr so ähnlich vor: viel pyro, viel laser, viel bombast. effekt und kulisse als dramaturgische hauptpfeiler, irgendwo dazwischen eine band als darsteller und mitwirkende. alles knallt und wackelt und ist zugegebenermaßen beeindruckend auf einer – für kaputtmusikalisierte menschen wie mich, die /so etwas/ nicht ohne verkopfung als konzert genießen können, sondern stetig analysieren und einordnen – eher abstrakten ebene. die oben erwähnten neunzig prozent des publikums denken, das wäre techno, was sie da hören, in wahrheit ist es der perfektionierte el-arenal-soundtrack. ein showcase, eine choreographie an stagedesign und prolltriggern, eine inszenierung für ein nach außen heterogen wirkendes aber in ihrem nicht-stil offenbar erstaunlich homogenes publikum. h.p. baxxter ruft "rock'n'roll", wenn zwei gitarren auf der bühne zu sehen sind, und das publikum hält sich für metaller; h.p. baxxter ruft "oggioggioggi" (oder so ähnlich) und das publikum brüllt wunschgemäß "oi oi oi!" zurück. man fragt sich, wer hier für wen da ist.

denn in all dem "dorfdepp reversed"-gefühl, das man so hat, wenn man sich nicht als teil der menge sieht sondern vielleicht eher als den einen geisterfahrer in der masse, wird man auch partout das gefühl nicht los, daß man hier zeuge von etwas ähnlichem wird, was bei einer religion bzw. sekte abläuft: womit wir wieder auch wieder begrifflich bei "the dome" wären. effekthascherei und nebel, fitneßstudiobunnies und dürre baggypants-spacken als bühnentänzer, quiekendes und nie so /richtig/ im takt klatschendes publikum, dazu gefühlte millionen von mobiltelefonkameras – nicht mal auf's bier-holen kann man sich da konzentrieren, und ausnahmsweise liegt das nicht am alter, sondern am durchkalkulierten overkill, der hier gefahren wird und dem man nicht entkommt. scooter covern "walking in memphis" und nur ganz wenige (erkennen es und) grinsen, scooter verwenden eine strophe aus lützenkirchens "drei tage wach" und fast keiner findet das ironisch, scooter covern "marian" von den sisters und das publikum fällt weisungsgemäß ("jetzt mal gothic!") in depri-starre. das irritierende an einem konzert von scooter ist, daß wirklich penibelst alles nichtmusikalische verstärkt wird – der abend besteht fast ausschließlich aus effekten und fassaden, und niemand scheint das zu bemerken, außer den jungs von der band selbstverständlich. denen man /dafür/ wirklich und ehrlich die hand schütteln müßte, auf ein ein paar biere einladen, oder einfach mal ohne mikrofon oder kamera reden nur um den verdacht bestätigt zu sehen: das ist ein job, was die jungs da machen, aber keine musik.

das schlimme ist aber, daß man's eigentlich gar nicht so doof fand. klar, ein "konzert" ist was anderes, laut der eigenen musikalischen sozialisation und erwartungshaltung müßte dazu doch wenigstens ein kleines bißchen kreativität bzw. idee versteckt sein, und die veranstaltung sollte vielleicht auch selbst den anspruch haben, ein konzert sein zu wollen. den hat ein scooter-abend wahrscheinlich nicht. aber mit einer gewissen distanz betrachtet, immer auch guy debord im hinterkopf und das eigene latente distinktionsbedürfnis wahrnehmend aber nicht allzusehr auslebend (höflichkeit, ey!), .. – doch, dann ist sowas schonmal ganz interessant.

reicht jetzt dann aber auch wieder für ein paar jahre mit dem kirmesgedudel.

(naja, gut – dj bobo vielleicht nochmal irgendwann,
falls sich die gelegenheit ergibt.)

[ frank l. | 2008-04-08 | 02:32 | # ]

widdewiddewie sie mir gefällt

nämlich, und ich wollte schon immer mal einen text mit "nämlich" beginnen, nämlich die /handlungsresonanz/ ist es, die für vieles von dem verantwortlich ist, was wir für fügung halten oder mit mittelbarkeit tarnen. der kleine anstoß, der dazu führt, daß das mobile vielleicht nicht ganz perpetuum wird, aber sich doch wenigstens eine ganze weile am leben erhält und sich zu anfang erstmal selbst be-ding-t: kopfleuchte / headlamp im positiven wie negativen sinn. das kompliment wird zum positiven feedback, das zu einem lächeln führt, das eine andere körperhaltung bewirkt, die einen erfolg herbei-ahnt, der dann zum highlight wird. oder auch die unregelmäßigkeit, die zum stolpern wird, woraus eine irritation entsteht und man aus der fassung gerät und in den ärger hinein – alles eine frage des takts, des rhythmus, des dirigierens. im einen fall forciert, im anderen möglichst vermieden, je nachdem was gewünscht wird; aber doch immer eine frage von resonanz, diese interaktion zwischen welt und ego, zwischen atmosphäre und gefühl, zwischen außen und innen. denn wenn man auf einer schaukel sitzt, muß man sich ja nicht im meßbaren sinn jeweils schwerer oder leichter /machen/, sondern nur sein gewicht zum richtigen zeitpunkt in die richtige richtung verlagern: alles nur eine frage des takts, des rhythmus, des dirigierens.

[es gibt ja nur zwei beachtenswerte punkte, möchte man resonanz (besser: feedback, oder: rückkopplung) erreichen: das (anlaßlose) anfeuern des systems einerseits, und das offensein für und auswerten des resultats andererseits, oder besser: es zu ermöglichen, daß jenes resultat sofort wieder neuer input wird. ersteres können kontrollfreaks per definition, nur an letzterem muß gearbeitet werden. es ist so einfach.]

[ frank l. | 2008-04-02 | 06:39 | # ]

 

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