vermutlichkeit

wahrscheinlich wusste auch die "faz" nicht so recht, was sie an einem "tag der offenen tür" im hauptstadtbüro zeigen oder vorführen sollte. aber ard, zdf und der bundestag machten auch mit, wegen der leichtathletik-wm war potentielle zielgruppe in der nähe, und schönes wetter war angekündigt – nichts naheliegenderes also, als die türen des ehrwürdig-imposanten gebäudes mit vollklimatisiertem innenhof in der berliner mittelstraße ein kleines bisschen zu öffnen und – ja, was eigentlich?

ach, podiumsdiskussionen gehen immer. das mag flapsiger und abwertender klingen, als es gemeint ist – aber ein wenig fragte man sich dann schon, wie das eigentlich so funktioniert mit dem prestige und der außenwirkung, wenn man "frankfurter allgemeine zeitung" ist. ob man bei solchen sachen einfach wegen des namens mitmachen muss; ob vielleicht nur eine der podiumsdiskussionen zuerst geplant war und der rest drumherumgestrickt wurde, damit jene nicht so allein im kontextraum herumfliegt; ob hinter einer solchen veranstaltung sogar bei der "faz" vielleicht eine eventagentur steckt, die innerhalb von – geschätzt – zwei tagen einen notfallplan durchziehen musste, der hübsche halstücher der infostand-hostessen beinhaltete, lustig-wortspielerische speisekartenüberschriften, und – ach, nein, das war's eigentlich schon.

die eine podiumsdiskussion jedenfalls, die latent interessant klang, war die von/zwischen/mit stefan niggemeier und claudius seidl. der eine institution im medienjournalismus, der andere – nun ja, claudius seidl eben, ressortleiter des feuilletons der sonntagszeitung. man sollte sich unterhalten über die "zukunft der zeitung", und – in der tat – es wurde "nett". also: harmlos, kuschelig, konsensig. einigkeit in praktisch allen punkten: das medium zeitung wird – vermutlich – nicht vollständig seine daseinsberechtigung verlieren; die rolle des gedruckten wortes wird sich aber – vermutlich – verändern, weg von der nachrichtlich vermeldenden aktualität, hin zum längeren, ausgeruhten text, hin zum kommentar und hintergrund; das medium "zeitung online" muss sich derzeit und zukünftig unter anderem mit der herausforderung der leser-beteiligung in jeder hinsicht arrangieren, die – vermutlich – eher zu- als abnehmen wird; das "showbusiness" unterscheidet sich zwischen print und online ganz erheblich; onlinemedien stehen nicht im direkten wettbewerb mit/gegen print, sondern man wird sich – vermutlich – irgendwie ergänzen; onlinemedien haben in manchen bereichen (der gestaltung unterschiedlicher texttypen/-formen beispielsweise) einen ziemlichen nachholbedarf; und irgendwie eiert man eben gerade so herum in dieser zwischenzeit, in der alle beteiligten (medien) noch nicht so ganz ihre neue rolle gefunden haben.

das wort "pubertät" stand im raum – synonym für diesen kulturellen übergangsbereich, den die plattenindustrie gerade gegen den rest der welt aufgrund permanenter bockigkeit verliert, und auf den die printmedien offenbar auch gerade zusteuern – nur aussprechen wollte es keiner. man fand sich nett und gut, aber zweck der veranstaltung war ja – vermutlich – auch kein streitgespräch mit konkretem ergebnis, sondern eine bestandsaufnahme beim durchaus leckeren (trotz des albernen speisekartenzettels) kaffee.

was in keinster weise schlimm ist; und was ja auch nur wieder einer veranstaltung der "faz" entspricht, oder besser gesagt der eigenen erwartungshaltung, wenn eine veranstaltung im "faz"-gebäude stattfindet. als wäre die faz die oma der medienfamilie, die oft kluge dinge sagt, selten unkluge, damit manchmal recht und manchmal unrecht hat, der man aber nicht widerspricht, teils aus höflichkeit, teils aus respekt, teils auch aus langeweile. die – vermutlich – golf spielenden, gut gekleideten, aufgeschlossen guckenden mittfünfziger-pärchen aus wilmersdorf-eigentumswohnungen, die den raum immerhin ausreichend füllten, um die veranstaltung als "okay besucht" bezeichnen zu können, nickten zwischendurch, brummelten manchmal, kicherten an den richtigen stellen, und fühlten sich – sowohl von niggemeier als auch von seidl – meistens bestätigt. also bestätigten sie brav zurück, mit netten blicken und respektvoll kurzem schlussapplaus und guter körperhaltung, obwohl sie wahrscheinlich auch zu denen gehör(t)en, die "das internet" in anführungszeichen schreiben, die "ins internet gehen" (und nach ein paar stunden wieder raus), die begriffe wie "datenautobahn" und "cyberspace" noch futuristisch anstatt ironisch meinen.

nur am ende, als zu diskussion und rückfragen aufgerufen wurde, merkte dann eine dieser damen – sehr wahr, sehr korrekt, sehr angebracht und sehr konsequent – an, dass es doch nett gewesen wäre, hätte man das publikum in die vorangegangenen 45 minuten einbezogen. hätte man die kommentarfunktion eingeschaltet, hätte man mitdiskutieren lassen – wenn man schon darüber spricht, dass die entwicklung der medien basisdemokratische züge trägt und man "auf den leser hören" müsse. und auch da konnten dann nur alle zustimmen. schön, wenn man so einer meinung ist.

flanierte man danach beim schönen wetter noch auf unter den linden herum und sah marathonläufer an sich vorbeirennen und hörte man das publikum jubeln und spürte man den "eventcharakter" dieser leichtathletik-wm, die da vor den türen des "faz"-gebäudes gerade stattfand – anhand eines eher klassischen sportereignisses also –, wurde einem all das erst richtig bewusst: dass es, 2009, überhaupt keinen sinn (mehr) ergibt, sportergebnisse einen tag nach der veranstaltung auf papier gedruckt zu lesen. dass es nicht einmal mehr sinn ergibt, "so lange" damit zu warten, warten zu wollen, ein ergebnis zu erfahren – wie man ja auch früher schon im unterschied zwischen denen, die samstagabends "auf die sportschau warten" wollten, und denen, die das spiel schon live gesehen (respektive im radio gehört oder auf teleclub/df1/premiereworld/usw. gesehen) hatten, feststellte. dass es hingegen nicht nur konsequent, sondern geradezu angebracht und fast schon natürlich erscheint, innerhalb weniger sekunden in den "dafür angebrachten" medien ergebnisse zu verbreiten. und dass man dann aber auch im printjournalismus nicht das foto irgendeiner läufergruppe erwartet oder aufstellungen genauer hundertstelsekundenlisten aller läufer, sondern: den perfekt geknipsten zieleinlauf eines weltrekords, in verbindung mit einem mehrseitigen, gut recherchierten, interessanten, tollen text über die gesellschaftliche bedeutung dieser (einer) sportart in kenia oder weißrussland, über selbstwahrnehmung und gefühl eines läufers zwischen kilometer 30 und 40, über "organisation am rande" oder wie ein streckenposten einen marathonlauf wahrnimmt, über politische oder wirtschaftliche hintergründe zu sport und sponsoring in anderen ländern und unterschiedlichen sozialen kreisen. über publikum, oder wie man sich als fan von curling oder snooker fühlt. texte eben, die durchaus stellenweise auch schon in der sonntagszeitung zu finden sind; texte, für die in blogs (oder anderswo online) noch sowohl die mittel fehlen als auch das durchhaltevermögen beim lesen am bildschirm.

um mal die radiometapher zu strapazieren: onlinemedien wie byte.fm, printmedien wie deutschlandfunk beziehungsweise deutschlandradio kultur – das wäre, nun ja, nett. und das ist dann, hoffentlich, unter anderem auch die zukunft der zeitung

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-24 | 09:02 | # ]

rettet die sehnsuchtskultur!

die sache ist aber doch jene: da taucht plötzlich ein schöner begriff auf, aus dem nichts, oder besser gesagt, das nichts hatte plötzlich ausreichend potential, ihn an die oberfläche kommen zu lassen, die zeit war reif, der begriff wollte erdacht, ausgedacht, ausgesprochen, aufgeschrieben werden. der tolle begriff in diesem fall war und ist "sehnsuchtskultur", den eine gewisse melinda davis für sich entdeckte, oder vermutlich ihr agent. jedenfalls ist melinda davis beruflicherdings von ihrem deutschen verlag sogenanntwerdenwollende "trendforscherin" (was ist aus dem schnöden wort "mode" geworden? wieso assoziiere ich "forschung" nicht sofort mit großen sonnenbrillen und bunten hosen? wieso verkneife ich mir, auf die bezeichnung "futurist" näher einzugehen? was unterscheidet einen "trendforscher" von einem marketingschnösel? ist "trendforschung" eine bwl-disziplin oder eher eine der soziologie? wieso hab' ich einen gallenartigen geschmack im mund beim lesen des begriffs? wie komme ich aus der nummer mit der frageaufzählung in dieser klammer jetzt zeichensetzerisch korrekt wieder raus? ...) – melinda davis also jedenfalls, die trendforscherin ist, hat darüber ein buch geschrieben, in dem sie die sehnsuchtskultur – stark verkürzt und vermutlich böse für meine argumentativen zwecke umformuliert, aber sei's drum – ungefähr folgendermaßen beschreibt und erklärt:

wir leben in einer sehnsuchtskultur und haben mittlerweile mehr geistige als materielle wünsche. deshalb sind wir rastlos auf der suche nach dingen, die unsere identität unterfüttern, unser selbstwertgefühl anheben und unserem leben sinn verleihen. dabei bedienen wir uns immer weniger bei klassischen geistigen sinnofferten wie religion und philosophie, sondern entdecken luxus als prinzip der transzendenten selbsterhaltung.

(– christine eichel in cicero)

liebe frau davis, mit verlaub: das ist käse.

zugegebenermaßen: erwartbarer käse, immerhin ist der untertitel des buchs "was wir wirklich kaufen wollen" nicht unbedingt ein tiefenpsychologischer oder gar interessant klingender. kein konkreter vorwurf also. trotzdem: auch materielle wünsche lassen sich doch schließlich auf – im allerweitesten semantischen sinn – geistige abbilden. status, anerkennung, ansehen, liebe, all dieses zeug von dem auch frau davis möglicherweise schonmal gehört hat. triebkräfte des lebens (also "love & death", laut woody allen). ich stelle mal so in den raum (und bin zu faul, das argumentativ mit mehr als dem gesunden menschenverstand zu unterfüttern, hin und wieder aber reicht das ja locker aus): auch den porsche will man nicht haben, weil man porsche so super findet (mal von autoschraubernerds abgesehen), sondern in der hoffnung auf mittelfristig besseren sex.

anders, nochmal: davis behauptet, dieser von ihr so genannte "virtuelle produktnutzen" wäre finaler zweck solcher sehnsuchtsobjekte. was, klar, an ihrem job liegen mag – also, dass trend und mode nun mal zuerst und relativ offensichtlich in produkten sichtbar wird. in bwl-deutsch gesprochen: an der nachfrage nach bestimmten produkttypen und der entsprechenden marktentwicklung lässt sich bestimmt etwas über die volksseele ablesen. aber, und jetzt komm' ich: nicht nur über die volksseele, die glitzerzeug kaufen möchte und die sich einbildet, "glück" wäre das, was rtl als bunte wohnungs-umgestaltung verkauft. der porsche unterscheidet sich kaum von einer schicken krawatte, was den zweck, sogar was den grund angeht. beides ist kulisse, nicht ausdruck eines wollens, sondern eines inszenierens, eines spieles, meinetwegen. "kundensehnsüchte" my ass, nachts in kopfkissen weinende arme würstchen schon eher.

der begriff sehnsuchtskultur ist doch viel zu wunderbar und hat viel zu viel potentielle tiefe, um ihn den sogenannten schlipsträgern zu überlassen – so viel idealismus darf dann doch bitteschön schon noch sein. also: fantasie, mythos, imagination – wie wäre es damit? artefakte von potential und möglichkeit, ausdruck von chance und differenz. konkreter, und nur beispielsweise: musik. als sehnsuchtskultur. wie keine andere kultur lässt die nämlich raum für imagination, oder zweckbezogener gesprochen: für projektion. oder um es mit frau davis' worten zu sagen: für sehnsucht.

musik ist das ausmalen von vorstellungen, nicht nur das ausmalen der unsichtbaren (potentiellen) aspekte, sondern auch das ausmalen und vorstellen des haptischen (auch eine form von sex, übrigens). augenblicke, die etwas versprechen, die noch nichts preisgeben, sondern während denen man nur ahnt und vermutet. sich nähern und verstehenwollen. music was my first love, und nicht mal ich würde "sehnsuchtskultur" ausschließlich darauf reduzieren wollen: aber doch auch nicht nur auf goldkettchen und benzinfresser.

naja. nur ein vorschlag.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-19 | 00:26 | # ]

vier minuten hass, gleich nach der werbung

eine alte nerd-weisheit lautet "alles wird besser mit bluetooth", und befasst man sich nach längerer rezipienten-abwesenheit mal wieder mit dem deutschen fernsehen, so kann man den rest des tages an nichts anderes mehr denken als "wenn es wenigstens usb hätte". das fernsehprogramm an einem durchschnittlichen wochenendnachmittag ist so grauenhaft intelligenzbeleidigend, dass einem der eigene – bereits im kopf entstehende – text darüber schon wie ein einziges klischee vorkommt (zumal sich verrisse aller art ja sowieso immer recht einfach schreiben lassen).

nach nur einer stunde zapping durch "finanzierbare" ("finanzierung", übrigens, ist neuerdings ein synonym für "abstottern", wenn sich bitte ein sprachforscher mal damit befassen könnte?) deko-klunker zum "modepreis des tages" in einem der zahlreichen resterampe-verkaufssender; während im studio nebenan die vergangenheit, gegenwart, zukunft sowie ein paar weitere erfundene zeitformen aus den furzgeräuschen des kabelträgers gelesen werden (nur nennt man es bei astro-tv natürlich anders); derweil auf mtv und viva (beim einen untertitelt, beim anderen – leider – nicht, denn deutsche möchtegern-hip-hopper sind nur einen hauch besser verständlich als englischsprachige nicht-hip-hopper) eine 15-jährige mit drei boys (wer "jungs" sagt, outet sich als jemand, der das fernsehen noch zu zeiten kannte, als ilona christen noch lebte) einen "kuscheltest" macht und danach bewertungspunkte abgibt; während sich auf eurosport der sprecher der leichtathletik-wm an rechtfertigungen versucht, wieso "gehen" als sport noch immer im fernsehen übertragen wird; wenn kabel1 gefühlte 90 prozent seiner sendezeit mit dokumentationen über familien bestreitet, die ohne englischkenntnisse in die usa auswandern möchten, weil die leute/autos/hamburger/fernseher dort viel besser aussehen; und während 90 prozent der restlichen sender mit zoo-casting-verarschgewinnspielen (beziehungsweise kombinationen daraus) offenbar nicht nur umsatz, sondern gewinn machen ...

... hat man plötzlich dieses gefühl wie beim lesen einer ausgabe der "bild"-zeitung: nämlich, dass eine plötzliche explosionsartige auflösung der zeitung, respektive also jener sender, rein gar nichts zur volksgesundheit beitragen könnte, denn es wächst ja sofort wieder einer nach (und wer nur drei minuten "alex", wie der offene kanal berlin mittlerweile heißt, über sich ergehen läßt, muß danach nicht mal mehr weiterschalten auf dsf, wo ralf richter mit fiona erdmann gegen zwei unbekannte moderatoren im kicker gewinnt – oder verliert, ganz egal), wo war ich? genau: löscht man einen sender aus der persönlichen kanalbelegung, rutscht ja der nächste deppenverein direkt hinterher, und das volk lechzt ja offenbar dann doch nach wohnungseinrichtungs-shows, nach von kerner moderierten panel-koch-verkaufs-superstar-shows, nach brennpunkten und frauke ludowig, nach fußball und titten und formel 1 und fäkalwitzen, nach fips asmussen und mario barth. es nimmt kein ende, es gibt kein entkommen.

natürlich: die gutmenschen-ausreden arte, 3sat und phoenix existieren, alexander "dctp" kluge als letzter meuternder mit einem bounty auf rtl und sat1, und manchmal zeigt auch der rbb nachts um halb zwei eine filmperle in deutscher synchronisation, falschem bildformat, mit senderlogo im bild und zuerst beschleunigtem, dann ganz gekapptem abspann. aber: das bringt ja doch alles nichts. das volk verdummt, weil es verdummen möchte, und es möchte weiter verdummen, weil es verdummend angesprochen wird. die schweigespirale ist eine brüllend laute, und die kommunikative augenhöhe sinkt stetig stiefer, aus angst vor überforderung. auf beiden seiten der kommunikationspartner. parallelen zur deutschen politik, übrigens, sind so offensichtlich, dass sie jemand anders herausarbeiten darf, wenn er möchte.

worauf also wollte ich noch gleich hinaus? ach ja: umschalten hilft nur bedingt und die volksseele leidet so oder so. genau genommen hilft nur abschalten, und noch genauer genommen nicht einmal das, sondern höchstens (also: mindestens) das aus-dem-fenster-werfen der "glotze", die entsorgung des problems als ritueller akt. irgendwer muss ja mal anfangen mit dem zeichensetzen. das wird rtl2 zwar nicht beeindrucken, aber der rücken wird ein gutes stück gerader und der blick ein lächelnderer, wenn man danach in den spiegel sieht. versprochen.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-15 | 21:40 | # ]

der perfektionierte kindergeburtstag

ein festival, das mitten in einer stadt passiert – und noch dazu in einer stadt wie berlin, deren einwohner täglich aus gefühlt einigen hundert kulturellen angeboten wählen können –, fühlt sich zwangsläufig anders an als "drei tage staubfressen". und beim berlinfestival ist die sache sogar noch spezieller: nicht nur kommen die besucher hier größtenteils von zu hause anstatt aus einem zelt und sind daher einigermaßen gestylt und frisch geschminkt, auch aber ist die veranstaltung wiederum keine "silvesterparty am brandenburger tor" mit mainstreamig-breiter zielgruppe, sondern eigentlich nur eine sehr große freiluft-version einer gewissen in berlin-mitte ansässigen urban-hipster-indie-szene, die sich in den letzten jahren um clubs wie "rio" oder "scala" bildete. wer also schon beim melt!-festival irritiert war angesichts überdimensionaler sonnenbrillen, gesichtsbemalung in neonfarben oder jungs mit dünnen beinchen und noch engeren jeans, der dürfte beim berlinfestival jeglichen rest an kognitivem widerstand aufgegeben haben: it's kindergeburtstag all over again.

vor- und urteile beiseite: das berlinfestival fand zum vierten mal insgesamt, zum ersten mal auf dem gelände des ehemaligen flughafens in tempelhof, und – nach organisatorischen fehlgriffen bei der wahl der location 2005 & 2006, unerklärlichem besuchermangel 2007 und einer kreativpause 2008 – dieses jahr vermutlich zum ersten mal ordentlich besucht statt. und natürlich war die formulierung "auf dem gelände des ehemaligen flughafens" zwar faktisch korrekt, aber durchaus mitgetragen von latentem größenwahn, passen doch auf besagtes gelände insgesamt locker 100 festivals dieser größenordnung gleichzeitig. das berlinfestival 2009 fand eigentlich "nur im eingangsbereich" statt, einem klar umzäunten und größtenteils überdachten (lies: regengeschützten) teil (– die rhetorische kurve zum "kindergeburtstag" wird hier dem leser zur übung überlassen –) im nordwestlichen bereich des geländes. was zwar einen weiteren teil festivalgefühl zugunsten eines praktischen betonbodens zunichte machte, aber keineswegs unannehmlich war, hatte man erst einmal seine erwartungshaltung korrigiert.

bild: (c) thomas victor / berlinfestival

immerhin: musik gab es auch, und diese war ebenfalls szene- und zielgruppengerecht außerordentlich sophisticated und mit erstaunlich gutem händchen für varianz ausgewählt. auf den spuren des haldern pop festivals (seit einigen jahren eine feste größe im bereich musikalischer innovation, talentförderung – also, der verpflichtung von acts, die hierzulande erst immer 1–2 jahre später eine "große nummer" wurden bzw. werden) wandelte man selbstverständlich noch nicht, aber bereits mit namen wie frankmusik, health, telepathe oder oneida bewies man doch, daß man vor der auswahl der bands seine nase nicht nur in den musikexpress, sondern eben auch in den nme und vor allem in weblogs gesteckt hatte. selbst die headliner kamen aus der reihe der guten, ungewöhnlichen, interessanten: moderat (die beim melt!-festival wegen sturmwarnung ausgefallene kollaboration zwischen modeselektor und apparat), jarvis cocker (als pulp-chef die grande dame des britpop, "solo" mit band auf der bühne eine ausgeburt an coolness und absoluter sympathieträger des zweiten abends), selbst das erscheinen – oder besser "die erscheinung" – pete® dohertys (ex-libertines und seit einigen jahren primär durch absagen und ausfälle der einen oder anderen art bekanntgeworden) an sich war schon ein kleines highlight und, wenn dann auch nicht gerade musikalisch, für die sogenannte klatschpresse ein grund zur berichterstattung. kindergeburtstag mal ganz positiv: innovationsförderung und progressivität. oder zumindest originalität.

der höhepunkt eines kindergeburtstags ist aber natürlich erst erreicht, wenn alle beteiligten durchgeschwitzt und mit knallroten köpfen vom kicken oder einer kissenschlacht kommen und lächeln. zu diesem zweck waren deichkind da. was vor ein paar jahren mal hip-hop war und dann zu einer "großen party" mutierte (vermutlich in der tat beim melt!-festival 2006, als die band zum sonnenaufgang die tragfähigkeit der hauptbühne testete, indem sie nicht vor, sondern –dort– erstmals gemeinsam mit besuchermassen feierten), war beim berlinfestival 2009 der passendste aller denkbaren abschlüsse: der perfekt durchchoreographierte kindergeburtstag am samstagabend auf der hauptbühne, der alle bis dahin noch schräg im hinterkopf sitzenden soundprobleme mit dem hallenecho, überhaupt alle kleinen macken und störungen, die auch ein kleines festival wie dieses nun mal erlebt, in vergessenheit geraten ließ. ein deichkind-auftritt ist die konsequente fortsetzung eines auch an anderer stelle in der musikindustrie aufkommenden neuen basisdemokratischen prinzips: deichkind (deren logo mittlerweile übrigens frappierende ähnlichkeit mit dem der dead kennedys hat) sind aber wahrscheinlich die ersten, die dieses basisdemokratische prinzip "zum wohle aller beteiligten" auch live durchziehen. da wird nicht mehr crowdgesurft, da wird mit schlauchbooten und hüpfburgen durch's publikum gefahren. da wird knallfolie rollenweise ins publikum geworfen, da wird mit liegestühlen und heimtrainern auf trampolinen herumgesprungen, das prinzip "bierdusche" neu definiert, und zuguterletzt – wie erwähnt – eine kissenschlacht gegen, nein, mit dem publikum gefeiert, daß man beim staunen mehrere stufen "wtf!?" überspringt, andererseits aber vor lauter hüpfen und brüllen ja sowieso das hirn leer macht.

natürlich ist das schlimmes kindergeburtstagsniveau, natürlich ist das schwer prollig, natürlich muß man sich nicht zwangsläufig für so etwas begeistern können – im rahmen dieses festivals aber war es passend, angebracht, konnte mit viel fantasie sogar ein kleines bisschen ironisch gemeint interpretiert werden, und selbst wenn nicht: man kann den paartausend menschen in der mainstage-halle auch einfach glauben, dass es riesigen spaß gemacht hat. plumpen, guten spaß. wie so ein kindergeburtstag nun mal ist.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-11 | 21:06 | # ]

liebe piraten.

ich verstehe mich ja als meist eher unpolitischen klugscheißer – also als jemand, der von vielen dingen ein bisschen ahnung hat, von einigen wenigen dingen auch ein bisschen mehr, der aber viele seiner entscheidungen im leben nach bauchgefühl trifft. so auch die stelle, wo das kreuzchen landet, bei den immer mal wieder anstehenden wahlen. die richtige ausgangslage also, um euch ein paar ratschläge zu geben.

das lob vorneweg: ihr seid der erste haufen, bei denen ich in meiner ca. 15jährigen karriere als wahlberechtigter nicht das gefühl habe, mein kreuzchen wäre heiße luft. wie schon an unzählbaren anderen stellen angemerkt: offenbar sind die piraten diejenigen (und offensichtlich die einzigen), die – meinem bauchgefühl nach, und dem bauchgefühl vieler internetfreunde ebenso – für eine sache stehen, die alle anderen noch nicht einmal als wichtig erkannt haben. zum ersten mal vermute, glaube, hoffe ich, dass da gerade eine partei entsteht, die mit mir so eine art seelenverwandtschaft hat – mit menschen, denen man nicht erst erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind. mit menschen, die wissen, was ein browser ist, und die instinktiv "wtf!?" denken, wenn eine frau von der leyen kognitiv durchdreht. (und wegen denen ich mir das exzessive verlinken dieses artikel auch spare – wer mit halbwegs offenen augen durch das netz geht, kennt das piratische repertoire an öffentlichkeitsarbeit ja bereits.)

eure aufgabe wird sein, und auch mit dieser feststellung bin ich nicht der erste, den menschen, denen man erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind, nahezubringen, wieso das so ist. auf einer ihnen – denen, die den begriff "browser" nicht kennen und für die frau von der leyen nur "irgendsoeine ministerin" ist – auf augenhöhe erscheinenden art. ihr solltet (und gerade fühle ich mich ein bisschen wie der weißbärtige opa, der kurz vor dem tod ratschläge und lebensgeheimnisse weitergibt) nicht nur ein wenig von eurer/unserer meinung klarmachen – sondern ein bisschen von dem, was ich schon fast als lebensgefühl bezeichnen wollen würde, was ich gern "gesunden menschenverstand" nenne, der leider so vielen verloren gegangen ist – nicht nur schlipsträgern.

ich halte es für ungesund, nicht skeptisch zu sein. ich halte es für fragwürdig, keine fragen zu stellen. und ich halte es für eigenartig, dinge nicht verstehen oder nachvollziehen zu wollen. anders formuliert: ich glaube, es geht nicht darum, minutiös für den durchschnittlichen spd-wähler aufzuschlüsseln, was in der heutigen bundespolitik falsch läuft, was der begriff "zugangserschwerungsgesetz" genau bedeutet, welche grundgesetze dabei umgangen werden. oder vielmehr: natürlich geht es darum, um all das, aber eben erst später. vorher muss die begeisterung für eine lebenseinstellung kommen. für die dann im verwandten- und bekanntenkreis "geworben" werden muss. menschen, die nicht ganz so, sagenwirmal, progressiv leben wie ihr/wir, müssen – während ihr ihnen sagt, warum die piraten so einen seltsamen namen haben – spüren, dass es euch ein anliegen ist, eine herzenssache, das leuchten in euren augen sehen, wenn es um grundrechte geht. nicht das gefühl haben, dass ein parteiprogramm vorgestellt werden soll, wie es all die anderen spinner im bundestag jahrelang gemacht haben, wenn sie auf interviewfragen antworten sollten.

daher, übrigens, ist "klar zum ändern!" – was offenbar der claim eures wahlwerbespot werden soll – in meinen ohren aber auch nur so eher mittelgut: es erinnert in seiner wortspielhaftigkeit und der zugrundeliegenden einstellung ("es soll anders werden!") an den anfangs-80er-claim "sonne statt reagan!" der grünen, auch irgendwo zwischen unbeholfenheit und weltverbesserungsgedanken getragen und mit relativer nullaussage außer dem klammern an ein irgendwo vorhandenes oppositionspotential. das wird nicht ausreichen, auch nicht, wenn onkel frieda kurz vor der tagesschau in knapp 2 minuten den begriff "geistiges eigentum" erklärt bekommt, denn für onkel frieda ist das eben auch nur wieder "irgendsoeine partei", die da rumwirbt.

rübergebracht werden sollte (und jetzt spricht wieder der weißbärtige opa:) das gefühl, dass es wichtig ist, wofür die piratenpartei steht – und zwar nicht wichtig, um in den bundestag zu kommen, sondern wichtig für – achtung, pathos: – die menschheit und deren grundrechte. erklärt das doch mal so, denen, die sich dafür interessieren: dass es keine sache der argumente ist, sondern eigentlich nur naheliegende, logische, konsequente folge ist von allem, was so passiert und uns umgibt, in den letzten jahren.

also, so würde ich das jedenfalls machen, an eurer stelle.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-03 | 01:54 | # ]

 

// !