unter umständen

aber dann ist ja auch immer so ein punkt erreicht, wenn ich irgendein aktuellkulturelles artefakt nicht mehr verstehe. (man gibt sich mühe, nie ein exemplar dieser alten säcke zu werden, die mit dem früher-war-alles-besser-stempel auf der stirn durch ihr leben gehen; man gibt sich mühe, schritt zu halten, also vielleicht nicht jeden blöden trend auch in seiner gesamtheit empathisch zu spüren, aber doch wenigstens analytisch beobachtend verstehen zu wollen: toleranz und akzeptanz als grundeigenschaften von aufgeschlossenheit, meinetwegen) – und dann stößt man auf sagenwirmal ein spielzeug, das man nicht mehr versteht. und das muß noch nicht mal ein online-rollenspiel-kram oder ein japan-comic-verkleidungshype sein, da reicht schon ein überraschungsei-inhalt. der sich nicht mehr mit der grundlegenden verblödung der menschheit, dem eigenen kranken an der welt, der distanz zu popkulturellen entwicklungen bzw. der spezialisierung in diesen bereichen erklären läßt.

und natürlich /versteht/ man es, weiß, auf welche knöpfe man drücken muß damit es fiepst, aber man versteht nicht mehr, was das soll. was daran ein spielzeug ist, was es dem anwender nutzt. (genaugenommen fiel mir das als kind schon schwer, wenn ich mitschüler mit matchbox-autos habe spielen sehen, wo es doch auch darda-flitzer gab. die konnten wenigstens was. matchbox waren immer nur miniaturmodelle für mich, sowas stellte man sich ins regal, führte listen darüber, sammelte serien. aber irgendwann konnte ich nachvollziehen, wenn auch nicht selbst spüren, warum die anderen jungs aus der klasse "brrrrrm!" sagten, wenn sie diese dinger auf einem tisch herumschoben). man möchte den antrieb verstehen, oder besser, man möchte aus der beobachtung und der eigenen vermuteten aufgeschlossenheit heraus gern auf den antrieb schließen können. man will es nicht toll finden oder sich wirklich für das ding an sich interessieren, man möchte aber die verstrickungen verstehen, welche situation in der welt dazu geführt hat, daß dieses ding (egal welches) zu diesem stellenwert gekommen ist, den es jetzt hat.

und jedesmal dieses fucking "werde ich alt?, wieso?, was tu' ich dagegen?, wieso ist mir das wichtig?, kann ich mir wissen dazu anlesen?, bis in welches detail genau möchte ich eigentlich verstehen, was hier vorgeht?, hab' ich vielleicht schon als 5jähriger zu pragmatisch über matchbox nachgedacht?, usw"-gefühl. worauf man natürlich keine antwort hat. ich bin meine eigene selbsthilfegruppe. nichts neues.

[ frank l. | 2009-10-14 | 20:56 | # ]

the xx, lido, 20091013

kommt man sich ja auch blöd vor, heutzutage noch über musik oder konzerte überhaupt zu schreiben, dieses ganze sogenannt basisdemokratische ding mit jedem, der sich informieren kann soviel und wo er will, in ordnung, aber dann braucht's eben einen anderen ansatz, der – in diesem fall – nicht mehr absatzlang erklärt, daß the xx vier kids irgendwo aus england sind und daß ihr album kürzlich inbegriff für einen "über-nacht-hit" wurde, einerseits nämlich wegen dieser ganzen plötzlichkeit und dem überrumpelnden ding über band und publikum, andererseits auch – hoho, da war'n sie wieder, die bemühten gags – weil ihre musik nunmal am besten nachts funktioniert. gut, also doch zurück zur wahrnehmungsaufzählung, zur empfindungsliste, zum reindruck:

the xx da stehen also vier kids auf der bühne, und "kid" wird man gegenüber jemandem bekanntlich dadurch, daß dieser jemand anfangs kurz im kopf mal grob überschlägt, ob er der vater eines dieser kids sein könnte, rechnerisch, in diesem fall und bei mir wird's zwar knapp, aber aus dramaturgischen gründen sind es dann eben doch kids: – da stehen also diese vier kids auf der bühne, zwei präsent mittig und zwei eher als unbeleuchteter subtext außen, und machen so simpel aufgebaute musik, daß man sich permanent fragt, wieso sie einen so sehr am herz packt. wäre ich musikjournalist, würde ich namen verwenden, statt dessen: die kleine wirkt, als würde sie mal alison moyet werden, das bübchen rechts neben ihr wie der kleine bruder von nick kamen. und dann singen sie auch noch ganz genau so. als würde chris isaak italopop machen, als wäre elvis in seiner depressiven phase (hatte er die? keine ahnung. ich erfinde. weil ich es darf.) der gitarren überdrüssig geworden. ich stehe im publikum und denke "fuck, wie geht man mit sowas um, wenn man 19, 20 ist?" daß konzerte irgendwo in europa ausverkauft sind, daß die menschen am ende minutenlang applaudieren, aber man eben keine songs mehr hat, daß schon zusatztermine gebucht werden und daß einzelne songs zu szenenapplaus führen. der band ist anzusehen, daß sie aus ihrer kindheit gerissen wurde, die sind noch am anfang und werden vermutlich groß, die britishness (aber eher so ein working-class-british-ding natürlich, ungefähr wie glasvegas als schottland-version, nur eben viel jünger) brüllt aus jedem augenblick. sie wirken irritiert und echt, und das täuscht wahrscheinlich darüber hinweg, daß die songs so lakonisch und basic aufgebaut sind, aber das ist kein vorwurf, das beeindruckt einen dann noch viel mehr. daß es sowas noch gibt, daß es sowas jetzt wieder gibt, daß man endlich mal wieder sowas entdeckt hat.

die musik läßt genug raum für beobachtungen nebenbei (vermutlich ist das sogar irgendeine akademische formulierung für minimalismus) – daß der soundmensch im lido den raum nicht im griff hat, und daß der lichtmensch im lido ein randomizer-plugin zu sein scheint. man muß sich zwingen, das auszublenden. aber, fuck, who cares, ich nicht, ich notiere nur, im kopp.

nach dem konzert steht die band am merchandising-stand und signiert platten und bedankt sich artig für komplimente. sie sind verzückt, alle vier, alison moyet und nick kamen ein bißchen weniger als die anderen beiden, dafür weniger schüchtern, irgendwer hat das schon richtig gemacht mit dem casting also, das muß so sein, das ist gut, das wird gut, das spielt sich gerade erst ein, alles. sehr sonderbar ist dieser abend, man versteht nicht alles, nicht mal sich selbst, man weiß nicht so recht warum einem diese musik so nahe geht, aber es tut so verdammt gut, daß man es endlich mal wieder nicht erklären kann. auf dem heimweg friere und lächle ich, während ich noch ein paar mal "infinity" höre.

[ frank l. | 2009-10-14 | 11:30 | # ]

autoren nen.

letztlich geht es um den status des gedruckten. wie locker man sich da machen will. am besten natürlich unendlich locker. bloß: was macht einen lässigen lockerstil aus, was einen blöden, einen, der einen nervt? wahrscheinlich irgendsowas diffuses und doch entscheidendes wie der geistige duktus eines menschen, des schreibers, des erzählers, des menschen, der da in lockerer weise und also ganz ungeschützt direkt zu einem spricht, schriftlich. und da kommt dann stil als marotte ins spiel: das heißt, wie schnell einen eine eigene form nervt, die eigene melodie abstößt, das sich im nu einschleifende anwidert, das bißchen gekonnte einfach nur noch ankotzt. daß man darauf keinen bock mehr hat. daß einem das schlicht zu hohl ist, fünfzehn jahre lang auf einer sounderrungenschaft rumzuturnen. das nenne ich depression, die art marottifizierter stil-stillstand. (...)

(– rainald goetz, abfall für alle)

und wie geradezu kitschig das aber dann natürlich auch ist, nach mehreren monaten gaga-enklave gerade mit so einem zitat wieder loszulegen, oder sich vorzumachen jetzt wieder loslegen zu wollen, nochmal kurz auf die glatze gespuckt und das cms poliert, und dann wird's schon wieder. das muß einem klardenkenden menschen, auch wenn er ein blog befüllt, doch schon seltsam vorkommen, und vielmehr noch, suspekt, daß es ihm nicht seltsam vorkommt, oder daß er sich mit dieser meta-masche immer wieder und immer noch etwas vormacht.

naja, wir werden sehen.

[ frank l. | 2009-10-13 | 01:39 | # ]

 

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