kevin

donnerstag. heute schon vier mal mit kevin telefoniert. seinen nachnamen kenne ich nicht, und kevin meldet sich bei der hierzulande unter einer frankfurter festnetznummer geschalteten sony-hotline aus -vermutlich- einem beneluxland, denn er möchte frank immer erstmal mit ck schreiben, wenn ich ihm meine mailadresse buchstabiere. kevin spricht in einem lustigen mix aus englisch und deutsch mit mir, mit deutlich französischem einschlag, über ein qualitativ nicht weiter bemerkenswertes bluetooth-headset, jedenfalls male ich mir das so aus anhand des klangs unserer telefonleitung und der mehrfachen "wie bitte?"-rückfragen, – genau wie ich mir kevin anhand unserer unterhaltung und seinem sprachstil ausmale als mitte-hipster mit schal von american apparel und fünftagebart und engen jeans, der auch genau weiß, daß leute wie ich ahnen, daß er keinen bock darauf hat, callcenter-agent zu sein, der aber andererseits auch genau weiß, daß leute wie ich wissen, daß unsere telefonate wahrscheinlich von seinen chefs unterschiedlichster hierarchiestufen live mitgehört werden, die kundenzufriedenheit und so, you know.

wir spielen also beide mit, sind höflich und scherzen miteinander, denn eigentlich klingt kevin ja auch ganz cool, und man gibt ja auch dem pizzafahrer immer trinkgeld, denn man redet sich ein, daß der am wenigsten etwas für lieferzeiten und lauwarme pizza kann. so funktioniert idealismus 2009. und obwohl wir also schon zum vierten mal miteinander telefonieren, denn herr sony ist kurz davor, mir "die bestellbestätigungsmail zu faxen" (denn die crm-software von herrn sony scheint auf kunden wie mich nicht vorbereitet gewesen zu sein), verspricht mir kevin jetzt ("isch promise ihnen .."), sich "öchstpersöhnlisch" um meine bestellbestätigung zu kümmern, und wenige minuten später liegt ebenjene mail in meiner inbox. ich bin aufgeregt und kevin ist mein held des tages. go, kevin.

("liebes tagebuch", ja, das war eine drohung.)

[ frank l. | 2009-10-21 | 13:41 | # ]

tag klaut

montag. versehentlich werbefernsehen geguckt, natürlich dabei verzweifelt. "zufriedenheitsgarantie", ein wort mit ähnlicher anmutung wie "literaturbeilage", falling-down-gefühl sofort beim hören. kein mensch mit rückgrat in der seele möchte 99 cent (plus porto) (per überweisung) (nach vorlage einer kassenquittung) für einen joghurt zurückerstattet bekommen im tausch gegen einen bestätigten adreß-datensatz inklusive zielgruppenscoringwert, oder wie diese werbearschlöcher das auch immer nennen. jeder mensch mit rückgrat in der seele weiß, wie dreckig ein 99cent-joghurt schmecken muß, bei dem noch genug im etat übrigbleibt für eine zufriedenheitsgarantiekampagne. (zufriedenheitsgarantien sind nämlich vielmehr das, was man beispielsweise im unweit gelegenen asia-supermarkt bekommt, wo das neben der kasse beworbene gebäck seltsam aussieht und man die kassierin deswegen nach den schriftzeichen auf der packung und dem inhalt und dem geschmack fragt, und sie in halsbrecherischem deutsch vielleicht nicht direkt weiterhilft, aber durch lächeln und körperhaltung und freundlichkeit ganz allgemein das gefühl vermittelt, daß einem das zeug schmecken wird. und sie muß es noch nicht mal erwähnen, trotzdem weiß man, daß man schlimmstenfalls mindestens sein geld zurückbekäme, es aber so weit sowieso nie kommt, denn das zeug schmeckt eben. und immer, wenn dann wieder dieser begriff im dödelfernsehen fällt, möchte man den rückkanal öffnen und unidanoneprocterlevergamblekraft anbrüllen, daß das andere /echt/ besser können mit dem garantieren von zufriedenheit. aber ich glaube fast, die wissen das ja schon.)

dienstag. zuviel tageslicht. noch nicht mal vormittag, und schon denke ich über borniertheit nach, also die gefahr, in die ich laufe, wenn ich hier so weitermache mit der artikulation ausschließlich schlechter laune. eigentlich wollte ich meine cholerikerkarriere doch erst mit 45 starten. es wird einem aber auch echt viel zu vieles viel zu einfach gemacht.

mittwoch. ich glaube, man sollte weniger feilen und mehr raushauen. überall. das schlimme an skype-smileys übrigens ist ja die gleichschaltung der animation. also nichts gegen lächeln an sich, aber wenn da erstmal zehn solcher viecher in einem fenster stehen und alle penetrant simultan die schnute ziehen, fühlt sich das an wie eine schlechte stephen-king-verfilmung. daß da keiner aus der reihe tanzt. synchronizität verwirrt mir das denken.

[ frank l. | 2009-10-21 | 00:45 | # ]

k, anal

zu den eher seltsamen artikulationen von kultur, denen man sonntags so nachgeht, gehört das neusortieren von kanalbelegungen auf fernsehprogrammplätzen, das nachdenken über die dabei verwendete terminologie und die weite zwischen dem technischen vorgang als solchen und dem einrichten, dem anpassen, dem gefügigmachen eines geräts. dem es-sich-bequem-machen. [und so ähnlich fühlt sich das dann vermutlich an, hätte man gerade eine tagesdecke gekauft, schalen mit duftschnörkels oder bunten glasperlen auf dem wohnzimmertisch aufgestellt oder den platz von toaster und kaffeemaschine in der küche wieder mal vertauscht. und ganz knapp bevor's vollkommen armselig wird und man sich als restlos neurotisch enttarnt, läßt man die hinteren programmplätze einfach unsortiert. total punk. ach, nein, punk sagt man ja jetzt auch nicht mehr seit gruner+jahr. wie sagt man jetzt? flippig? schräg? egal.] – irgendwann beim sortieren der kanäle stößt man ja auf eine sog. "wettervorhersage", und das ist dann der zeitpunkt, an dem man abschalten muß. gar nicht so schwierig, eigentlich. liest man eben mal wieder ein gutes buch. oder nörgelt ein bißchen an der welt rum.

[ frank l. | 2009-10-19 | 00:01 | # ]

(tiefenschärfe)

kleine, gute bars muß man mindestens halbzufällig finden. in einer seitenstraße, ganz hinten, rechts, und auf dem schild zur straße sollte nur "bar" stehen. die musik muß zwischen seltsamjazz und modeselektor, zwischen 60s und raster-noton ambivalieren. die sofas müssen bequem stehen und das licht vorsichtig sein. wenn man einen gin & tonic bestellt, sollte man nach der bevorzugten gin-sorte gefragt werden. der hund sollte von anderen gästen bewundert werden, auch wenn er nur faul rumliegt. dezenz ist wichtig. auf dem heimweg muß der regen nieseln, und behutsamkeit muß herrschen, überall. man sollte boytronics "luna square" im ohr haben, wenn man den kopf in den nacken kippt, und dann muß, it never ceases to amaze, auf den letzten metern der fernsehturm mit fancy beleuchtung im nachtnebel zu sehen sein. sehr viel mehr benötigt man eigentlich nicht.

[ frank l. | 2009-10-16 | 01:50 | # ]

.

endless rain record by kyouei design. eine seite regen, die andere mit fünf verschiedenen regentropf-sounds als lock-groove. knapp 30 euro inklusive versand.

herbst, ausrufezeichen.

[ frank l. | 2009-10-15 | 13:51 | # ]

demütigungsmaschine

und vielleicht ist ja auch immer noch nicht genug gesagt über castingshows. vielleicht ist bereits alles kulturwissenschaftlich analysiert worden, als untergang des manchmalsogenannten abendlandes bezeichnet, als seltsame progressivität von medien und popkultur behandelt, als lauf der dinge, als "aber immer noch besser wie" irgendein anderes dreckiges nachmittagsformat. und vielleicht stimmt das ja auch alles, mit der rolle von dieter bohlen und der selbstinszenierung von diesem tanzlehrertypen auf pro7.

aber vielleicht, vermutlich, wahrscheinlich ist auch noch nicht ausreichend haß ausformuliert worden über diesem dreck, der sich "popstars" oder "dsds" nennt, und in dem die teilnehmenden kids werte vermittelt bekommen, noch viel subtiler als indem sie sich anbrüllen lassen, sondern: da wird doch ein weltbild propagiert, das so einfach gestrickt ist, es ist zum davonrennen. da wird aus dieser "jeder kann zum star werden"-sloganscheiße ein konstrukt, nach dem die kids zu leben beginnen, in jedem kleinen detailbereich ihres sozioversums. und ehe man sich versieht, haben die kleinen scheißer vergessen, was banden sind, wie man subversiv ist (und warum man das sein sollte), wie man spürt ausgebeutet zu werden bzw. (und) was mobbing bedeutet, und viel allgemeiner noch, sie verlernen (bzw. lernen es erst gar nicht, vom leben), welche menschen so eine (also: diese) gesellschaft steuern und regulieren und wieso das ungesund ist, für alle beteiligten. sie bekommen vermittelt, duckmäuser zu sein zu wollen (aber das natürlich anders zu nennen, klar). ein weltbild, in dem hierarchien wichtig sind und "werte" preisschilder sind und "ziele" awards und "selbstbestimmung" die fernbedienung. in dem alles einfach und überschaubar gestrickt ist, weil die zielgruppe nur penetrant genug vorgemacht bekommt, das wäre erstrebenswert.

(man muß sich doch nur die standard-antwortfloskel anhören auf die standard-klischeefrage, warum "gerade du" angeblich der/die "richtige ist" für die im jeweiligen tv-format beworbene medienhurenkarriere: "weil ich es mir so sehr wünsche" und "weil es mein absoluter traum ist". und mal ganz abgesehen von der kognitiven fehlschaltung (die ja nur wieder zu "früher war alles besser" führt) – hat irgendwann mal einer dieser jury-/moderatoren-penner darauf hingewiesen, daß das keine antwort auf die frage ist? daß es aber natürlich genau die antwort ist, die man im fernsehen (als "fernsehmacher") haben möchte, um einen kitschigen hans-zimmer-score hinter den miesen (weil durchschaubaren) schnitt zu legen?)

vermutlich ist "format" als oberbegriff für diesen mist ja doch wieder sehr passend. und es ist natürlich auch eine binsenweisheit, daß seltsames und ausgefallenes nicht dorthin paßt, wo glattgebügelt und präsentiert und verkauft werden will. genaugenommen ist überhaupt nichts an diesem konstrukt überraschend (und daher, noch genauer genommen, auch nicht mal zu verurteilen, jedenfalls nicht von außen), und in letzter konsequenz und aller liberalität, die ich mir oft auf die fahnen schreibe, also: mit einer "jeder, wie er mag"-einstellung, gibt's an all dem natürlich nichts auszusetzen. aber traurig finden, daß es so läuft – das gesteh' ich mir dann ja doch wenigstens noch zu. denn manchmal nimmt das ganz schön überhand, mit der traurigkeit: beim wahrnehmen von miteinander interagierenden jugendlichen in der s-bahn; beim blick darauf, wie werbung zur zeit gestaltet ist und auf welche emotionen und affekte sie abzielt; überhaupt fast immer dann, wenn ich aus meiner szene raus- und in die restwelt rein-gehe, und dabei mal die augen und ohren aufmache. da ist vieles im argen, und vieles davon wiederum nicht ausschließlich resultat, aber mindestens doch symptom u.a. dieser wertevermittlung.

(und wenn ich mich, in ein paar wochen, erst mal wieder warmgeschrieben habe, kann ich das alles eventuell auch so ausdrücken, daß es fundiert klingt und nicht einfach argumentativwacklig im raum herumsteht.)

[ frank l. | 2009-10-15 | 12:34 | # ]

rotbackiger winter-pepping, ..

.. zehendlieber & schwarzenbachs parmäne.
(ich möchte teil einer neurotischen liste sein.)

deutschlands wichtigste apfelsorten ende des 19. jahrhunderts.

(die meisten meiner leser wußten das natürlich schon beim lesen der überschrift.)

[ frank l. | 2009-10-15 | 10:06 | # ]

schneewittchen ehrenhalber

baby, du siehst gut aus.

[ frank l. | 2009-10-14 | 21:03 | # ]

unter umständen

aber dann ist ja auch immer so ein punkt erreicht, wenn ich irgendein aktuellkulturelles artefakt nicht mehr verstehe. (man gibt sich mühe, nie ein exemplar dieser alten säcke zu werden, die mit dem früher-war-alles-besser-stempel auf der stirn durch ihr leben gehen; man gibt sich mühe, schritt zu halten, also vielleicht nicht jeden blöden trend auch in seiner gesamtheit empathisch zu spüren, aber doch wenigstens analytisch beobachtend verstehen zu wollen: toleranz und akzeptanz als grundeigenschaften von aufgeschlossenheit, meinetwegen) – und dann stößt man auf sagenwirmal ein spielzeug, das man nicht mehr versteht. und das muß noch nicht mal ein online-rollenspiel-kram oder ein japan-comic-verkleidungshype sein, da reicht schon ein überraschungsei-inhalt. der sich nicht mehr mit der grundlegenden verblödung der menschheit, dem eigenen kranken an der welt, der distanz zu popkulturellen entwicklungen bzw. der spezialisierung in diesen bereichen erklären läßt.

und natürlich /versteht/ man es, weiß, auf welche knöpfe man drücken muß damit es fiepst, aber man versteht nicht mehr, was das soll. was daran ein spielzeug ist, was es dem anwender nutzt. (genaugenommen fiel mir das als kind schon schwer, wenn ich mitschüler mit matchbox-autos habe spielen sehen, wo es doch auch darda-flitzer gab. die konnten wenigstens was. matchbox waren immer nur miniaturmodelle für mich, sowas stellte man sich ins regal, führte listen darüber, sammelte serien. aber irgendwann konnte ich nachvollziehen, wenn auch nicht selbst spüren, warum die anderen jungs aus der klasse "brrrrrm!" sagten, wenn sie diese dinger auf einem tisch herumschoben). man möchte den antrieb verstehen, oder besser, man möchte aus der beobachtung und der eigenen vermuteten aufgeschlossenheit heraus gern auf den antrieb schließen können. man will es nicht toll finden oder sich wirklich für das ding an sich interessieren, man möchte aber die verstrickungen verstehen, welche situation in der welt dazu geführt hat, daß dieses ding (egal welches) zu diesem stellenwert gekommen ist, den es jetzt hat.

und jedesmal dieses fucking "werde ich alt?, wieso?, was tu' ich dagegen?, wieso ist mir das wichtig?, kann ich mir wissen dazu anlesen?, bis in welches detail genau möchte ich eigentlich verstehen, was hier vorgeht?, hab' ich vielleicht schon als 5jähriger zu pragmatisch über matchbox nachgedacht?, usw"-gefühl. worauf man natürlich keine antwort hat. ich bin meine eigene selbsthilfegruppe. nichts neues.

[ frank l. | 2009-10-14 | 20:56 | # ]

the xx, lido, 20091013

kommt man sich ja auch blöd vor, heutzutage noch über musik oder konzerte überhaupt zu schreiben, dieses ganze sogenannt basisdemokratische ding mit jedem, der sich informieren kann soviel und wo er will, in ordnung, aber dann braucht's eben einen anderen ansatz, der – in diesem fall – nicht mehr absatzlang erklärt, daß the xx vier kids irgendwo aus england sind und daß ihr album kürzlich inbegriff für einen "über-nacht-hit" wurde, einerseits nämlich wegen dieser ganzen plötzlichkeit und dem überrumpelnden ding über band und publikum, andererseits auch – hoho, da war'n sie wieder, die bemühten gags – weil ihre musik nunmal am besten nachts funktioniert. gut, also doch zurück zur wahrnehmungsaufzählung, zur empfindungsliste, zum reindruck:

the xx da stehen also vier kids auf der bühne, und "kid" wird man gegenüber jemandem bekanntlich dadurch, daß dieser jemand anfangs kurz im kopf mal grob überschlägt, ob er der vater eines dieser kids sein könnte, rechnerisch, in diesem fall und bei mir wird's zwar knapp, aber aus dramaturgischen gründen sind es dann eben doch kids: – da stehen also diese vier kids auf der bühne, zwei präsent mittig und zwei eher als unbeleuchteter subtext außen, und machen so simpel aufgebaute musik, daß man sich permanent fragt, wieso sie einen so sehr am herz packt. wäre ich musikjournalist, würde ich namen verwenden, statt dessen: die kleine wirkt, als würde sie mal alison moyet werden, das bübchen rechts neben ihr wie der kleine bruder von nick kamen. und dann singen sie auch noch ganz genau so. als würde chris isaak italopop machen, als wäre elvis in seiner depressiven phase (hatte er die? keine ahnung. ich erfinde. weil ich es darf.) der gitarren überdrüssig geworden. ich stehe im publikum und denke "fuck, wie geht man mit sowas um, wenn man 19, 20 ist?" daß konzerte irgendwo in europa ausverkauft sind, daß die menschen am ende minutenlang applaudieren, aber man eben keine songs mehr hat, daß schon zusatztermine gebucht werden und daß einzelne songs zu szenenapplaus führen. der band ist anzusehen, daß sie aus ihrer kindheit gerissen wurde, die sind noch am anfang und werden vermutlich groß, die britishness (aber eher so ein working-class-british-ding natürlich, ungefähr wie glasvegas als schottland-version, nur eben viel jünger) brüllt aus jedem augenblick. sie wirken irritiert und echt, und das täuscht wahrscheinlich darüber hinweg, daß die songs so lakonisch und basic aufgebaut sind, aber das ist kein vorwurf, das beeindruckt einen dann noch viel mehr. daß es sowas noch gibt, daß es sowas jetzt wieder gibt, daß man endlich mal wieder sowas entdeckt hat.

die musik läßt genug raum für beobachtungen nebenbei (vermutlich ist das sogar irgendeine akademische formulierung für minimalismus) – daß der soundmensch im lido den raum nicht im griff hat, und daß der lichtmensch im lido ein randomizer-plugin zu sein scheint. man muß sich zwingen, das auszublenden. aber, fuck, who cares, ich nicht, ich notiere nur, im kopp.

nach dem konzert steht die band am merchandising-stand und signiert platten und bedankt sich artig für komplimente. sie sind verzückt, alle vier, alison moyet und nick kamen ein bißchen weniger als die anderen beiden, dafür weniger schüchtern, irgendwer hat das schon richtig gemacht mit dem casting also, das muß so sein, das ist gut, das wird gut, das spielt sich gerade erst ein, alles. sehr sonderbar ist dieser abend, man versteht nicht alles, nicht mal sich selbst, man weiß nicht so recht warum einem diese musik so nahe geht, aber es tut so verdammt gut, daß man es endlich mal wieder nicht erklären kann. auf dem heimweg friere und lächle ich, während ich noch ein paar mal "infinity" höre.

[ frank l. | 2009-10-14 | 11:30 | # ]

autoren nen.

letztlich geht es um den status des gedruckten. wie locker man sich da machen will. am besten natürlich unendlich locker. bloß: was macht einen lässigen lockerstil aus, was einen blöden, einen, der einen nervt? wahrscheinlich irgendsowas diffuses und doch entscheidendes wie der geistige duktus eines menschen, des schreibers, des erzählers, des menschen, der da in lockerer weise und also ganz ungeschützt direkt zu einem spricht, schriftlich. und da kommt dann stil als marotte ins spiel: das heißt, wie schnell einen eine eigene form nervt, die eigene melodie abstößt, das sich im nu einschleifende anwidert, das bißchen gekonnte einfach nur noch ankotzt. daß man darauf keinen bock mehr hat. daß einem das schlicht zu hohl ist, fünfzehn jahre lang auf einer sounderrungenschaft rumzuturnen. das nenne ich depression, die art marottifizierter stil-stillstand. (…)

(– rainald goetz, abfall für alle)

und wie geradezu kitschig das aber dann natürlich auch ist, nach mehreren monaten gaga-enklave gerade mit so einem zitat wieder loszulegen, oder sich vorzumachen jetzt wieder loslegen zu wollen, nochmal kurz auf die glatze gespuckt und das cms poliert, und dann wird's schon wieder. das muß einem klardenkenden menschen, auch wenn er ein blog befüllt, doch schon seltsam vorkommen, und vielmehr noch, suspekt, daß es ihm nicht seltsam vorkommt, oder daß er sich mit dieser meta-masche immer wieder und immer noch etwas vormacht.

naja, wir werden sehen.

[ frank l. | 2009-10-13 | 01:39 | # ]

gesunde, menschenverstand!

der gesunde menschenverstand ist uns angeboren, aber abhanden gekommen.

mit "uns" meine ich natürlich "euch" bzw. "sie", aus polemischen gründen muss ich aber dramatisieren und benutze dazu rhetorische banalitäten, die die bezeichnung rabulistik noch nicht mal verdient haben – egal, das ist ein anderes thema. der gesunde menschenverstand jedenfalls, dessen verlust in der folgenden plattformulierten schmähschrift kurz beklagt werden soll, ist nicht deckungsgleich mit "guter erziehung" (erlernt bzw. anerzogen) oder "instinkt" (umgangssprachlich bauchgefühl), er ist vielmehr eine stufe weiter oben angesiedelt in der affekthierarchie: er ist vielmehr das gespür zur subjektiv-rationalen einschätzung einer lage. er ist der chef des bauchgefühls.

"aha, subjektiv!", da tanzt der argumentative hase mit dem pfefferkorn, werden jetzt diejenigen schreien, die sich in den folgenden absätzen angegriffen fühlen: "subjektiv ist das gegenteil von objektiv und ein objektiv kann ich mir nicht leisten, ätschbätsch". meinetwegen: jede quatschentscheidung kann natürlich im nachhinein als "subjektiv so beabsichtigt" bezeichnet werden (lies: "ich wusste ganz genau, was ich tue, als ich diesen monster-burger in meinen magen reingequetscht habe", oder "selbstverständlich weiss ich, dass der stau sich nicht auflöst, nur weil ich wie bekloppt hupe, aber ich wollte es trotzdem tun"), aber dann halte ich gegen mit dem, was wir hoffentlich alle einmal als sogenanntwerdenwollenden "kategorischen imperativ" kennengelernt haben und antworte "jetzt wartet doch erstmal ab, worauf ich hinaus will". subjektivität nämlich muss ja nicht zwangsläufig auf egoismus bzw. egozentrismus und borniertheit hinauslaufen. eine individuelle (aha!) entscheidung zu treffen, die, und da kommt das bauchgefühl wieder ins spiel, die richtige für einen selbst und das unmittelbar davon betroffene umfeld sein könnte, – das ist jener gesunde menschenverstand, den ich vermisse. der olle haudegen kant hat ja auch keinen generellen objektivismus, kein allgemeingültiges 10-gebote-programm, gemeint. sondern eigentlich nur das einschalten dessen, was einem durchschnittlich sozialisierten menschen der affekt und die fähigkeit zur beurteilung von mitmenschen und situationen sagen sollte. also: subjektiv nicht im sinne von "jeder macht seins", sondern "jeder macht mal bitteschön, was sinnvoll erscheint".

denn: da hört man politiker reden, über dinge, die sie nicht verstehen, aber eigentlich auch über alles andere, und fragt sich permanent, wann die so geworden sind. da sieht man menschen rauchen, in den unmöglichsten situationen, aber eigentlich in allen, und fragt sich, ob diese unlogische und traurige art, sich zur wurst zu machen, diese von einer mischung aus tabaklobby-werbungs-lifestyle und körperlicher sucht verursachte stullizität, ob rauchen also wirklich irgendein mensch tun würde, der mal darüber nachdenkt, was er eigentlich gerade tut. da trifft man menschen im straßenverkehr, die verkniffen und manisch miteinander umgehen, gerade so als wären sie im krieg miteinander oder als gäbe es irgendeinen preis zu gewinnen. da sieht man, wie sich menschen ernähren – und damit meine ich nicht die armen schweine, die sich nur lidl leisten können, sondern die familien, die "sonntags essen gehen" und damit mcdonald's meinen. da sieht man menschen, die stolz darauf sind, dinge nicht zu wissen (wohlgemerkt: es geht um das damit-angeben), und menschen, die – generell – auf "ihrem recht beharren", in allen möglichen situationen, nur "weil sie im recht sind". und menschen, die an astrologie, teleshopping, religion, homöopathie oder uri geller glauben, weil sie irgendwann einmal abtrainiert bekommen haben, darauf zu hören, womit einen die innere stimme in diesen momenten geradezu anbrüllt. weil ihnen die fähigkeit zur beurteilung dieser situationen abhanden gekommen zu sein scheint.

kaum jemand befolgt mehr einen kleinen, persönlichen, individuellen, meinetwegen sogar un(ter)bewussten wertekanon für und mit sich selbst. ich glaube, das finde ich ein bisschen schade. für diejenigen.

"gesunder verstand" ("bon sens") ist die natürliche (schon ohne besondere ausbildung wirksame) auffassungs- und beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende denken.

(– rudolf eisler, wörterbuch der philosophischen begriffe, zit. nach wikipedia)

ja, so ganz im vertrauen: nicht einmal ich, der kleine großkotz hier, bin perfekt. alle rauchenden, horoskoplesenden politiker, im straßenverkehr hupend auf dem weg zu mcdrive, dürfen jetzt aufhören zu lesen und sich bestätigt fühlen. und die anderen klugscheisser, die selbstbestimmung mit egoismus verwechseln, meinetwegen auch. aber auch das meinte ich weiter oben mit der subjektivität: wenn man wenigstens eine entscheidung getroffen hätte, so zu leben, wie man lebt, in einem bestimmten moment, mit einer begründung (vor sich selbst), die über opportunismus oder zickigkeit hinausgeht. wenn man ein bisschen abgewogen hätte, oder wenn einem wenigstens noch bewusst wäre, dass man ein bauchgefühl besitzt. wenn man vielleicht nicht direkt auf konservativ-kitschige "alte tugenden" abfährt, aber sich doch wenigstens manchmal überlegen würde, ob sich etwas schickt oder nicht. ob eine sache angebracht ist oder nicht. ob sie gut tut.

der gesunde menschenverstand, den ich vermisse, ist jedenfalls der, der dazu führt, dass man die grimmig guckende verkäuferin anlächelt. oder ihren grimmigen blick wenigstens ignoriert. der gesunde menschenverstand, den ich vermisse, ist der, der zu relaxtheit führt. der einen dinge nicht tun (also: sein) lässt, die man "zwar dürfte", aber der einen spüren lässt, dass man eben auch nicht immer auf seinem recht beharren muss. der gesunde menschenverstand ist der, der einen neue erfahrungen machen lässt, der "das bauchgefühl steuert", der den umgang mit anderen leuten einfacher macht (und, in der tat: dazu zählt möglicherweise auch, potentielle leser nicht als klugscheisser zu beschimpfen). der dazu führt, jemanden anzurufen, anstatt einen beschwerdebrief zu schicken. der einen nicht geld ausgeben lässt für dinge, die wegen eines aufgestickten logos dreimal soviel wie vorher kosten. der einen immer mal wieder daran erinnert, dass das leben an sich doch ziemlich einfach ist. der gesunde menschenverstand ist das, was einem die welt auf einen schlag ein bisschen plausibler vorkommen lässt.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-09-04 | 17:00 | # ]

tanz der knubbel

osmos // screenshot: (c) hemisphere games

eigentlich tarnt sich "osmos" nur als geschicklichkeits- oder strategiespiel. denn in wirklichkeit ist osmos ein geduldsspiel. noch eigentlicher ist osmos ein geduldsspiel, das die geduld nicht "auf eine harte probe stellt", so wie das anderswo oft mit geduld getan wird, sondern ein spiel, das die positiven aspekte, die beim aufbringen von geduld notwendig sind, in den vordergrund rückt: allem voran das eintauchen in und das arrangieren mit einer sehr speziellen "welt", also das un(ter)bewusste erlernen der – im spiel überlebensnotwendigen – abläufe.

im orbit ziel des spiels ist es, als einzeller-wesen ("this is you.") aufgaben zu erledigen, die meist sehr einfach klingen und aus ebenso einfachen sätzen bestehen: "become huge" bzw. "become the biggest" darunter am häufigsten. es gilt erstens: der größere knubbel saugt den kleineren knubbel auf; und es gilt zweitens: gesteuert und angetrieben wird der eigene knubbel im rückstoßprinzip, und zuviel einsatz dieses antriebs kostet energie, also größe. im prinzip ist das schon alles, was man wissen muss, wenn man als "kleiner blauer knubbel" zu spielen beginnt und innerhalb eines jeden levels auf dem weg zur größenvorherrschaft ist. man schwebt so (vgl. osmos-e) durch die gegend (vgl. k-osmos) und frisst kleine knubbel auf und weicht den großen aus. das ist alles.

allein unter vielen das eigentliche regelwerk aber, und das ist das wunderbare an osmos, erschließt sich erst beim spielen – und per gefühl. die taktiken, die man lernt, wenn man so als einzelliger knubbel unterwegs ist; die feinheiten der steuerung; die nebeneffekte bestimmter manöver. man kann an sich selbst beim spielen beobachten, wie eine transformation stattfindet vom lapidaren "befolgen eines regelwerks" hin zum "verstehen eines regelsystems", und das geschieht bei osmos ganz grandios subtil. wollte man anfangs noch mit mausklicks den spielverlauf beeinflussen, so gehen später all jene beeinflussungen in reflexe über. man spricht die sprache des spiels, man taucht ein. schnell bemerkt man auch, dass der schlüssel zum erfolg die oben schon erwähnte geduld ist, und zwar in ihrer ausprägung als behutsamkeit und vorsicht: zu anfang erscheinen die aufgaben noch überschaubar einfach, in späteren leveln dann schnell auf den ersten blick relativ aussichtslos. während an kontinentaldrift gemahnender spielgeschwindigkeit aber bemerkt man als spieler doch recht bald, dass trotz des vor einem stehenden 2-meter-gegners ein schrittchen vom (eigenen) einen auf zwei millimeter durchmesser schon mal gar nicht so übel ist auf dem weg zum erfolg.

(k)osmos(e) osmos wirkt von anfang bis ende organisch, und dazu trägt der soundtrack bei: passend zum spieldesign läuft musik von biosphere oder gas/high skies im hintergrund, die – wenn der spieler an einigen stellen den ablauf beschleunigen oder verlangsamen muss – gleichzeitig indikator für ebenjene geschwindigkeit wird, wenn sie hoch- bzw. runter-gepitcht läuft (und immer noch geradezu motivierend, auf jeden fall aber nicht ablenkend bzw. störend wirkt). überhaupt: alles fließt und "wabert" und pulsiert, gerade so, als hätte man da wirklich einen mikroskopisch kleinen teil eines lebewesens als spiellevel vor sich.

sicher: ästhetisch bewegt man sich im bereich anderer klassiker wie beispielsweise rez oder darwinia (die ebenfalls ihren reiz ja gerade auch aus dieser "reduzierung" ziehen), auch spielerisch gibt es ausreichend vorbilder. und osmos ist auch ein nicht unbedingt komplexes, lang dauerndes spiel – eine hand voll level, selbst für ungeübte mit wenig freizeit ist das nach ein paar stunden bzw. abenden erledigt.

ich und du beide aber: osmos kostet beim hersteller als download einen spottpreis (geradezu lächerliche ca. 7.30 euro, je nach umrechnungskurs), ist vermutlich besser als jede (teurere?) cd mit entspannungsmusik, und ist seit langem mal wieder ein faszinierendes kleines spielchen, in das man beim spielen wirklich eintaucht (was zumindest mir, neben dem oben genannten rez, in meinem bisherigen leben nur noch mit portal, ico, world of goo und tetris passiert ist), es ist frei von regioncodes oder drm-quatsch, es ist – achtung, kitschfinale: – wirklich total schön. mehr muss man dazu eigentlich gar nicht sagen.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-09-01 | 19:21 | # ]

 

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