vermutlichkeit

wahrscheinlich wusste auch die "faz" nicht so recht, was sie an einem "tag der offenen tür" im hauptstadtbüro zeigen oder vorführen sollte. aber ard, zdf und der bundestag machten auch mit, wegen der leichtathletik-wm war potentielle zielgruppe in der nähe, und schönes wetter war angekündigt – nichts naheliegenderes also, als die türen des ehrwürdig-imposanten gebäudes mit vollklimatisiertem innenhof in der berliner mittelstraße ein kleines bisschen zu öffnen und – ja, was eigentlich?

ach, podiumsdiskussionen gehen immer. das mag flapsiger und abwertender klingen, als es gemeint ist – aber ein wenig fragte man sich dann schon, wie das eigentlich so funktioniert mit dem prestige und der außenwirkung, wenn man "frankfurter allgemeine zeitung" ist. ob man bei solchen sachen einfach wegen des namens mitmachen muss; ob vielleicht nur eine der podiumsdiskussionen zuerst geplant war und der rest drumherumgestrickt wurde, damit jene nicht so allein im kontextraum herumfliegt; ob hinter einer solchen veranstaltung sogar bei der "faz" vielleicht eine eventagentur steckt, die innerhalb von – geschätzt – zwei tagen einen notfallplan durchziehen musste, der hübsche halstücher der infostand-hostessen beinhaltete, lustig-wortspielerische speisekartenüberschriften, und – ach, nein, das war's eigentlich schon.

die eine podiumsdiskussion jedenfalls, die latent interessant klang, war die von/zwischen/mit stefan niggemeier und claudius seidl. der eine institution im medienjournalismus, der andere – nun ja, claudius seidl eben, ressortleiter des feuilletons der sonntagszeitung. man sollte sich unterhalten über die "zukunft der zeitung", und – in der tat – es wurde "nett". also: harmlos, kuschelig, konsensig. einigkeit in praktisch allen punkten: das medium zeitung wird – vermutlich – nicht vollständig seine daseinsberechtigung verlieren; die rolle des gedruckten wortes wird sich aber – vermutlich – verändern, weg von der nachrichtlich vermeldenden aktualität, hin zum längeren, ausgeruhten text, hin zum kommentar und hintergrund; das medium "zeitung online" muss sich derzeit und zukünftig unter anderem mit der herausforderung der leser-beteiligung in jeder hinsicht arrangieren, die – vermutlich – eher zu- als abnehmen wird; das "showbusiness" unterscheidet sich zwischen print und online ganz erheblich; onlinemedien stehen nicht im direkten wettbewerb mit/gegen print, sondern man wird sich – vermutlich – irgendwie ergänzen; onlinemedien haben in manchen bereichen (der gestaltung unterschiedlicher texttypen/-formen beispielsweise) einen ziemlichen nachholbedarf; und irgendwie eiert man eben gerade so herum in dieser zwischenzeit, in der alle beteiligten (medien) noch nicht so ganz ihre neue rolle gefunden haben.

das wort "pubertät" stand im raum – synonym für diesen kulturellen übergangsbereich, den die plattenindustrie gerade gegen den rest der welt aufgrund permanenter bockigkeit verliert, und auf den die printmedien offenbar auch gerade zusteuern – nur aussprechen wollte es keiner. man fand sich nett und gut, aber zweck der veranstaltung war ja – vermutlich – auch kein streitgespräch mit konkretem ergebnis, sondern eine bestandsaufnahme beim durchaus leckeren (trotz des albernen speisekartenzettels) kaffee.

was in keinster weise schlimm ist; und was ja auch nur wieder einer veranstaltung der "faz" entspricht, oder besser gesagt der eigenen erwartungshaltung, wenn eine veranstaltung im "faz"-gebäude stattfindet. als wäre die faz die oma der medienfamilie, die oft kluge dinge sagt, selten unkluge, damit manchmal recht und manchmal unrecht hat, der man aber nicht widerspricht, teils aus höflichkeit, teils aus respekt, teils auch aus langeweile. die – vermutlich – golf spielenden, gut gekleideten, aufgeschlossen guckenden mittfünfziger-pärchen aus wilmersdorf-eigentumswohnungen, die den raum immerhin ausreichend füllten, um die veranstaltung als "okay besucht" bezeichnen zu können, nickten zwischendurch, brummelten manchmal, kicherten an den richtigen stellen, und fühlten sich – sowohl von niggemeier als auch von seidl – meistens bestätigt. also bestätigten sie brav zurück, mit netten blicken und respektvoll kurzem schlussapplaus und guter körperhaltung, obwohl sie wahrscheinlich auch zu denen gehör(t)en, die "das internet" in anführungszeichen schreiben, die "ins internet gehen" (und nach ein paar stunden wieder raus), die begriffe wie "datenautobahn" und "cyberspace" noch futuristisch anstatt ironisch meinen.

nur am ende, als zu diskussion und rückfragen aufgerufen wurde, merkte dann eine dieser damen – sehr wahr, sehr korrekt, sehr angebracht und sehr konsequent – an, dass es doch nett gewesen wäre, hätte man das publikum in die vorangegangenen 45 minuten einbezogen. hätte man die kommentarfunktion eingeschaltet, hätte man mitdiskutieren lassen – wenn man schon darüber spricht, dass die entwicklung der medien basisdemokratische züge trägt und man "auf den leser hören" müsse. und auch da konnten dann nur alle zustimmen. schön, wenn man so einer meinung ist.

flanierte man danach beim schönen wetter noch auf unter den linden herum und sah marathonläufer an sich vorbeirennen und hörte man das publikum jubeln und spürte man den "eventcharakter" dieser leichtathletik-wm, die da vor den türen des "faz"-gebäudes gerade stattfand – anhand eines eher klassischen sportereignisses also –, wurde einem all das erst richtig bewusst: dass es, 2009, überhaupt keinen sinn (mehr) ergibt, sportergebnisse einen tag nach der veranstaltung auf papier gedruckt zu lesen. dass es nicht einmal mehr sinn ergibt, "so lange" damit zu warten, warten zu wollen, ein ergebnis zu erfahren – wie man ja auch früher schon im unterschied zwischen denen, die samstagabends "auf die sportschau warten" wollten, und denen, die das spiel schon live gesehen (respektive im radio gehört oder auf teleclub/df1/premiereworld/usw. gesehen) hatten, feststellte. dass es hingegen nicht nur konsequent, sondern geradezu angebracht und fast schon natürlich erscheint, innerhalb weniger sekunden in den "dafür angebrachten" medien ergebnisse zu verbreiten. und dass man dann aber auch im printjournalismus nicht das foto irgendeiner läufergruppe erwartet oder aufstellungen genauer hundertstelsekundenlisten aller läufer, sondern: den perfekt geknipsten zieleinlauf eines weltrekords, in verbindung mit einem mehrseitigen, gut recherchierten, interessanten, tollen text über die gesellschaftliche bedeutung dieser (einer) sportart in kenia oder weißrussland, über selbstwahrnehmung und gefühl eines läufers zwischen kilometer 30 und 40, über "organisation am rande" oder wie ein streckenposten einen marathonlauf wahrnimmt, über politische oder wirtschaftliche hintergründe zu sport und sponsoring in anderen ländern und unterschiedlichen sozialen kreisen. über publikum, oder wie man sich als fan von curling oder snooker fühlt. texte eben, die durchaus stellenweise auch schon in der sonntagszeitung zu finden sind; texte, für die in blogs (oder anderswo online) noch sowohl die mittel fehlen als auch das durchhaltevermögen beim lesen am bildschirm.

um mal die radiometapher zu strapazieren: onlinemedien wie byte.fm, printmedien wie deutschlandfunk beziehungsweise deutschlandradio kultur – das wäre, nun ja, nett. und das ist dann, hoffentlich, unter anderem auch die zukunft der zeitung

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-24 | 09:02 | # ]

rettet die sehnsuchtskultur!

die sache ist aber doch jene: da taucht plötzlich ein schöner begriff auf, aus dem nichts, oder besser gesagt, das nichts hatte plötzlich ausreichend potential, ihn an die oberfläche kommen zu lassen, die zeit war reif, der begriff wollte erdacht, ausgedacht, ausgesprochen, aufgeschrieben werden. der tolle begriff in diesem fall war und ist "sehnsuchtskultur", den eine gewisse melinda davis für sich entdeckte, oder vermutlich ihr agent. jedenfalls ist melinda davis beruflicherdings von ihrem deutschen verlag sogenanntwerdenwollende "trendforscherin" (was ist aus dem schnöden wort "mode" geworden? wieso assoziiere ich "forschung" nicht sofort mit großen sonnenbrillen und bunten hosen? wieso verkneife ich mir, auf die bezeichnung "futurist" näher einzugehen? was unterscheidet einen "trendforscher" von einem marketingschnösel? ist "trendforschung" eine bwl-disziplin oder eher eine der soziologie? wieso hab' ich einen gallenartigen geschmack im mund beim lesen des begriffs? wie komme ich aus der nummer mit der frageaufzählung in dieser klammer jetzt zeichensetzerisch korrekt wieder raus? …) – melinda davis also jedenfalls, die trendforscherin ist, hat darüber ein buch geschrieben, in dem sie die sehnsuchtskultur – stark verkürzt und vermutlich böse für meine argumentativen zwecke umformuliert, aber sei's drum – ungefähr folgendermaßen beschreibt und erklärt:

wir leben in einer sehnsuchtskultur und haben mittlerweile mehr geistige als materielle wünsche. deshalb sind wir rastlos auf der suche nach dingen, die unsere identität unterfüttern, unser selbstwertgefühl anheben und unserem leben sinn verleihen. dabei bedienen wir uns immer weniger bei klassischen geistigen sinnofferten wie religion und philosophie, sondern entdecken luxus als prinzip der transzendenten selbsterhaltung.

(– christine eichel in cicero)

liebe frau davis, mit verlaub: das ist käse.

zugegebenermaßen: erwartbarer käse, immerhin ist der untertitel des buchs "was wir wirklich kaufen wollen" nicht unbedingt ein tiefenpsychologischer oder gar interessant klingender. kein konkreter vorwurf also. trotzdem: auch materielle wünsche lassen sich doch schließlich auf – im allerweitesten semantischen sinn – geistige abbilden. status, anerkennung, ansehen, liebe, all dieses zeug von dem auch frau davis möglicherweise schonmal gehört hat. triebkräfte des lebens (also "love & death", laut woody allen). ich stelle mal so in den raum (und bin zu faul, das argumentativ mit mehr als dem gesunden menschenverstand zu unterfüttern, hin und wieder aber reicht das ja locker aus): auch den porsche will man nicht haben, weil man porsche so super findet (mal von autoschraubernerds abgesehen), sondern in der hoffnung auf mittelfristig besseren sex.

anders, nochmal: davis behauptet, dieser von ihr so genannte "virtuelle produktnutzen" wäre finaler zweck solcher sehnsuchtsobjekte. was, klar, an ihrem job liegen mag – also, dass trend und mode nun mal zuerst und relativ offensichtlich in produkten sichtbar wird. in bwl-deutsch gesprochen: an der nachfrage nach bestimmten produkttypen und der entsprechenden marktentwicklung lässt sich bestimmt etwas über die volksseele ablesen. aber, und jetzt komm' ich: nicht nur über die volksseele, die glitzerzeug kaufen möchte und die sich einbildet, "glück" wäre das, was rtl als bunte wohnungs-umgestaltung verkauft. der porsche unterscheidet sich kaum von einer schicken krawatte, was den zweck, sogar was den grund angeht. beides ist kulisse, nicht ausdruck eines wollens, sondern eines inszenierens, eines spieles, meinetwegen. "kundensehnsüchte" my ass, nachts in kopfkissen weinende arme würstchen schon eher.

der begriff sehnsuchtskultur ist doch viel zu wunderbar und hat viel zu viel potentielle tiefe, um ihn den sogenannten schlipsträgern zu überlassen – so viel idealismus darf dann doch bitteschön schon noch sein. also: fantasie, mythos, imagination – wie wäre es damit? artefakte von potential und möglichkeit, ausdruck von chance und differenz. konkreter, und nur beispielsweise: musik. als sehnsuchtskultur. wie keine andere kultur lässt die nämlich raum für imagination, oder zweckbezogener gesprochen: für projektion. oder um es mit frau davis' worten zu sagen: für sehnsucht.

musik ist das ausmalen von vorstellungen, nicht nur das ausmalen der unsichtbaren (potentiellen) aspekte, sondern auch das ausmalen und vorstellen des haptischen (auch eine form von sex, übrigens). augenblicke, die etwas versprechen, die noch nichts preisgeben, sondern während denen man nur ahnt und vermutet. sich nähern und verstehenwollen. music was my first love, und nicht mal ich würde "sehnsuchtskultur" ausschließlich darauf reduzieren wollen: aber doch auch nicht nur auf goldkettchen und benzinfresser.

naja. nur ein vorschlag.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-19 | 00:26 | # ]

vier minuten hass, gleich nach der werbung

eine alte nerd-weisheit lautet "alles wird besser mit bluetooth", und befasst man sich nach längerer rezipienten-abwesenheit mal wieder mit dem deutschen fernsehen, so kann man den rest des tages an nichts anderes mehr denken als "wenn es wenigstens usb hätte". das fernsehprogramm an einem durchschnittlichen wochenendnachmittag ist so grauenhaft intelligenzbeleidigend, dass einem der eigene – bereits im kopf entstehende – text darüber schon wie ein einziges klischee vorkommt (zumal sich verrisse aller art ja sowieso immer recht einfach schreiben lassen).

nach nur einer stunde zapping durch "finanzierbare" ("finanzierung", übrigens, ist neuerdings ein synonym für "abstottern", wenn sich bitte ein sprachforscher mal damit befassen könnte?) deko-klunker zum "modepreis des tages" in einem der zahlreichen resterampe-verkaufssender; während im studio nebenan die vergangenheit, gegenwart, zukunft sowie ein paar weitere erfundene zeitformen aus den furzgeräuschen des kabelträgers gelesen werden (nur nennt man es bei astro-tv natürlich anders); derweil auf mtv und viva (beim einen untertitelt, beim anderen – leider – nicht, denn deutsche möchtegern-hip-hopper sind nur einen hauch besser verständlich als englischsprachige nicht-hip-hopper) eine 15-jährige mit drei boys (wer "jungs" sagt, outet sich als jemand, der das fernsehen noch zu zeiten kannte, als ilona christen noch lebte) einen "kuscheltest" macht und danach bewertungspunkte abgibt; während sich auf eurosport der sprecher der leichtathletik-wm an rechtfertigungen versucht, wieso "gehen" als sport noch immer im fernsehen übertragen wird; wenn kabel1 gefühlte 90 prozent seiner sendezeit mit dokumentationen über familien bestreitet, die ohne englischkenntnisse in die usa auswandern möchten, weil die leute/autos/hamburger/fernseher dort viel besser aussehen; und während 90 prozent der restlichen sender mit zoo-casting-verarschgewinnspielen (beziehungsweise kombinationen daraus) offenbar nicht nur umsatz, sondern gewinn machen …

… hat man plötzlich dieses gefühl wie beim lesen einer ausgabe der "bild"-zeitung: nämlich, dass eine plötzliche explosionsartige auflösung der zeitung, respektive also jener sender, rein gar nichts zur volksgesundheit beitragen könnte, denn es wächst ja sofort wieder einer nach (und wer nur drei minuten "alex", wie der offene kanal berlin mittlerweile heißt, über sich ergehen läßt, muß danach nicht mal mehr weiterschalten auf dsf, wo ralf richter mit fiona erdmann gegen zwei unbekannte moderatoren im kicker gewinnt – oder verliert, ganz egal), wo war ich? genau: löscht man einen sender aus der persönlichen kanalbelegung, rutscht ja der nächste deppenverein direkt hinterher, und das volk lechzt ja offenbar dann doch nach wohnungseinrichtungs-shows, nach von kerner moderierten panel-koch-verkaufs-superstar-shows, nach brennpunkten und frauke ludowig, nach fußball und titten und formel 1 und fäkalwitzen, nach fips asmussen und mario barth. es nimmt kein ende, es gibt kein entkommen.

natürlich: die gutmenschen-ausreden arte, 3sat und phoenix existieren, alexander "dctp" kluge als letzter meuternder mit einem bounty auf rtl und sat1, und manchmal zeigt auch der rbb nachts um halb zwei eine filmperle in deutscher synchronisation, falschem bildformat, mit senderlogo im bild und zuerst beschleunigtem, dann ganz gekapptem abspann. aber: das bringt ja doch alles nichts. das volk verdummt, weil es verdummen möchte, und es möchte weiter verdummen, weil es verdummend angesprochen wird. die schweigespirale ist eine brüllend laute, und die kommunikative augenhöhe sinkt stetig stiefer, aus angst vor überforderung. auf beiden seiten der kommunikationspartner. parallelen zur deutschen politik, übrigens, sind so offensichtlich, dass sie jemand anders herausarbeiten darf, wenn er möchte.

worauf also wollte ich noch gleich hinaus? ach ja: umschalten hilft nur bedingt und die volksseele leidet so oder so. genau genommen hilft nur abschalten, und noch genauer genommen nicht einmal das, sondern höchstens (also: mindestens) das aus-dem-fenster-werfen der "glotze", die entsorgung des problems als ritueller akt. irgendwer muss ja mal anfangen mit dem zeichensetzen. das wird rtl2 zwar nicht beeindrucken, aber der rücken wird ein gutes stück gerader und der blick ein lächelnderer, wenn man danach in den spiegel sieht. versprochen.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-15 | 21:40 | # ]

der perfektionierte kindergeburtstag

ein festival, das mitten in einer stadt passiert -- und noch dazu in einer stadt wie berlin, deren einwohner täglich aus gefühlt einigen hundert kulturellen angeboten wählen können –, fühlt sich zwangsläufig anders an als "drei tage staubfressen". und beim berlinfestival ist die sache sogar noch spezieller: nicht nur kommen die besucher hier größtenteils von zu hause anstatt aus einem zelt und sind daher einigermaßen gestylt und frisch geschminkt, auch aber ist die veranstaltung wiederum keine "silvesterparty am brandenburger tor" mit mainstreamig-breiter zielgruppe, sondern eigentlich nur eine sehr große freiluft-version einer gewissen in berlin-mitte ansässigen urban-hipster-indie-szene, die sich in den letzten jahren um clubs wie "rio" oder "scala" bildete. wer also schon beim melt!-festival irritiert war angesichts überdimensionaler sonnenbrillen, gesichtsbemalung in neonfarben oder jungs mit dünnen beinchen und noch engeren jeans, der dürfte beim berlinfestival jeglichen rest an kognitivem widerstand aufgegeben haben: it's kindergeburtstag all over again.

vor- und urteile beiseite: das berlinfestival fand zum vierten mal insgesamt, zum ersten mal auf dem gelände des ehemaligen flughafens in tempelhof, und -- nach organisatorischen fehlgriffen bei der wahl der location 2005 & 2006, unerklärlichem besuchermangel 2007 und einer kreativpause 2008 -- dieses jahr vermutlich zum ersten mal ordentlich besucht statt. und natürlich war die formulierung "auf dem gelände des ehemaligen flughafens" zwar faktisch korrekt, aber durchaus mitgetragen von latentem größenwahn, passen doch auf besagtes gelände insgesamt locker 100 festivals dieser größenordnung gleichzeitig. das berlinfestival 2009 fand eigentlich "nur im eingangsbereich" statt, einem klar umzäunten und größtenteils überdachten (lies: regengeschützten) teil (-- die rhetorische kurve zum "kindergeburtstag" wird hier dem leser zur übung überlassen --) im nordwestlichen bereich des geländes. was zwar einen weiteren teil festivalgefühl zugunsten eines praktischen betonbodens zunichte machte, aber keineswegs unannehmlich war, hatte man erst einmal seine erwartungshaltung korrigiert.

bild: (c) thomas victor / berlinfestival

immerhin: musik gab es auch, und diese war ebenfalls szene- und zielgruppengerecht außerordentlich sophisticated und mit erstaunlich gutem händchen für varianz ausgewählt. auf den spuren des haldern pop festivals (seit einigen jahren eine feste größe im bereich musikalischer innovation, talentförderung -- also, der verpflichtung von acts, die hierzulande erst immer 1-2 jahre später eine "große nummer" wurden bzw. werden) wandelte man selbstverständlich noch nicht, aber bereits mit namen wie frankmusik, health, telepathe oder oneida bewies man doch, daß man vor der auswahl der bands seine nase nicht nur in den musikexpress, sondern eben auch in den nme und vor allem in weblogs gesteckt hatte. selbst die headliner kamen aus der reihe der guten, ungewöhnlichen, interessanten: moderat (die beim melt!-festival wegen sturmwarnung ausgefallene kollaboration zwischen modeselektor und apparat), jarvis cocker (als pulp-chef die grande dame des britpop, "solo" mit band auf der bühne eine ausgeburt an coolness und absoluter sympathieträger des zweiten abends), selbst das erscheinen -- oder besser "die erscheinung" -- pete(r) dohertys (ex-libertines und seit einigen jahren primär durch absagen und ausfälle der einen oder anderen art bekanntgeworden) an sich war schon ein kleines highlight und, wenn dann auch nicht gerade musikalisch, für die sogenannte klatschpresse ein grund zur berichterstattung. kindergeburtstag mal ganz positiv: innovationsförderung und progressivität. oder zumindest originalität.

der höhepunkt eines kindergeburtstags ist aber natürlich erst erreicht, wenn alle beteiligten durchgeschwitzt und mit knallroten köpfen vom kicken oder einer kissenschlacht kommen und lächeln. zu diesem zweck waren deichkind da. was vor ein paar jahren mal hip-hop war und dann zu einer "großen party" mutierte (vermutlich in der tat beim melt!-festival 2006, als die band zum sonnenaufgang die tragfähigkeit der hauptbühne testete, indem sie nicht vor, sondern –dort– erstmals gemeinsam mit besuchermassen feierten), war beim berlinfestival 2009 der passendste aller denkbaren abschlüsse: der perfekt durchchoreographierte kindergeburtstag am samstagabend auf der hauptbühne, der alle bis dahin noch schräg im hinterkopf sitzenden soundprobleme mit dem hallenecho, überhaupt alle kleinen macken und störungen, die auch ein kleines festival wie dieses nun mal erlebt, in vergessenheit geraten ließ. ein deichkind-auftritt ist die konsequente fortsetzung eines auch an anderer stelle in der musikindustrie aufkommenden neuen basisdemokratischen prinzips: deichkind (deren logo mittlerweile übrigens frappierende ähnlichkeit mit dem der dead kennedys hat) sind aber wahrscheinlich die ersten, die dieses basisdemokratische prinzip "zum wohle aller beteiligten" auch live durchziehen. da wird nicht mehr crowdgesurft, da wird mit schlauchbooten und hüpfburgen durch's publikum gefahren. da wird knallfolie rollenweise ins publikum geworfen, da wird mit liegestühlen und heimtrainern auf trampolinen herumgesprungen, das prinzip "bierdusche" neu definiert, und zuguterletzt -- wie erwähnt -- eine kissenschlacht gegen, nein, mit dem publikum gefeiert, daß man beim staunen mehrere stufen "wtf!?" überspringt, andererseits aber vor lauter hüpfen und brüllen ja sowieso das hirn leer macht.

natürlich ist das schlimmes kindergeburtstagsniveau, natürlich ist das schwer prollig, natürlich muß man sich nicht zwangsläufig für so etwas begeistern können -- im rahmen dieses festivals aber war es passend, angebracht, konnte mit viel fantasie sogar ein kleines bisschen ironisch gemeint interpretiert werden, und selbst wenn nicht: man kann den paartausend menschen in der mainstage-halle auch einfach glauben, dass es riesigen spaß gemacht hat. plumpen, guten spaß. wie so ein kindergeburtstag nun mal ist.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-11 | 21:06 | # ]

liebe piraten.

ich verstehe mich ja als meist eher unpolitischen klugscheißer – also als jemand, der von vielen dingen ein bisschen ahnung hat, von einigen wenigen dingen auch ein bisschen mehr, der aber viele seiner entscheidungen im leben nach bauchgefühl trifft. so auch die stelle, wo das kreuzchen landet, bei den immer mal wieder anstehenden wahlen. die richtige ausgangslage also, um euch ein paar ratschläge zu geben.

das lob vorneweg: ihr seid der erste haufen, bei denen ich in meiner ca. 15jährigen karriere als wahlberechtigter nicht das gefühl habe, mein kreuzchen wäre heiße luft. wie schon an unzählbaren anderen stellen angemerkt: offenbar sind die piraten diejenigen (und offensichtlich die einzigen), die – meinem bauchgefühl nach, und dem bauchgefühl vieler internetfreunde ebenso – für eine sache stehen, die alle anderen noch nicht einmal als wichtig erkannt haben. zum ersten mal vermute, glaube, hoffe ich, dass da gerade eine partei entsteht, die mit mir so eine art seelenverwandtschaft hat – mit menschen, denen man nicht erst erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind. mit menschen, die wissen, was ein browser ist, und die instinktiv "wtf!?" denken, wenn eine frau von der leyen kognitiv durchdreht. (und wegen denen ich mir das exzessive verlinken dieses artikel auch spare – wer mit halbwegs offenen augen durch das netz geht, kennt das piratische repertoire an öffentlichkeitsarbeit ja bereits.)

eure aufgabe wird sein, und auch mit dieser feststellung bin ich nicht der erste, den menschen, denen man erklären muss, wieso datenschutz gut und überwachungskameras schlecht sind, nahezubringen, wieso das so ist. auf einer ihnen – denen, die den begriff "browser" nicht kennen und für die frau von der leyen nur "irgendsoeine ministerin" ist – auf augenhöhe erscheinenden art. ihr solltet (und gerade fühle ich mich ein bisschen wie der weißbärtige opa, der kurz vor dem tod ratschläge und lebensgeheimnisse weitergibt) nicht nur ein wenig von eurer/unserer meinung klarmachen – sondern ein bisschen von dem, was ich schon fast als lebensgefühl bezeichnen wollen würde, was ich gern "gesunden menschenverstand" nenne, der leider so vielen verloren gegangen ist – nicht nur schlipsträgern.

ich halte es für ungesund, nicht skeptisch zu sein. ich halte es für fragwürdig, keine fragen zu stellen. und ich halte es für eigenartig, dinge nicht verstehen oder nachvollziehen zu wollen. anders formuliert: ich glaube, es geht nicht darum, minutiös für den durchschnittlichen spd-wähler aufzuschlüsseln, was in der heutigen bundespolitik falsch läuft, was der begriff "zugangserschwerungsgesetz" genau bedeutet, welche grundgesetze dabei umgangen werden. oder vielmehr: natürlich geht es darum, um all das, aber eben erst später. vorher muss die begeisterung für eine lebenseinstellung kommen. für die dann im verwandten- und bekanntenkreis "geworben" werden muss. menschen, die nicht ganz so, sagenwirmal, progressiv leben wie ihr/wir, müssen – während ihr ihnen sagt, warum die piraten so einen seltsamen namen haben – spüren, dass es euch ein anliegen ist, eine herzenssache, das leuchten in euren augen sehen, wenn es um grundrechte geht. nicht das gefühl haben, dass ein parteiprogramm vorgestellt werden soll, wie es all die anderen spinner im bundestag jahrelang gemacht haben, wenn sie auf interviewfragen antworten sollten.

daher, übrigens, ist "klar zum ändern!" – was offenbar der claim eures wahlwerbespot werden soll – in meinen ohren aber auch nur so eher mittelgut: es erinnert in seiner wortspielhaftigkeit und der zugrundeliegenden einstellung ("es soll anders werden!") an den anfangs-80er-claim "sonne statt reagan!" der grünen, auch irgendwo zwischen unbeholfenheit und weltverbesserungsgedanken getragen und mit relativer nullaussage außer dem klammern an ein irgendwo vorhandenes oppositionspotential. das wird nicht ausreichen, auch nicht, wenn onkel frieda kurz vor der tagesschau in knapp 2 minuten den begriff "geistiges eigentum" erklärt bekommt, denn für onkel frieda ist das eben auch nur wieder "irgendsoeine partei", die da rumwirbt.

rübergebracht werden sollte (und jetzt spricht wieder der weißbärtige opa:) das gefühl, dass es wichtig ist, wofür die piratenpartei steht – und zwar nicht wichtig, um in den bundestag zu kommen, sondern wichtig für – achtung, pathos: – die menschheit und deren grundrechte. erklärt das doch mal so, denen, die sich dafür interessieren: dass es keine sache der argumente ist, sondern eigentlich nur naheliegende, logische, konsequente folge ist von allem, was so passiert und uns umgibt, in den letzten jahren.

also, so würde ich das jedenfalls machen, an eurer stelle.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-08-03 | 01:54 | # ]

the art of gratwanderung

an einer sogenannten "konsensband" gäbe es nichts auszusetzen, würde man den begriff wörtlich verwenden – "konsens" als kleinster gemeinsamer nenner, auf den sich alle beteiligten irgendwie einigen können: jeglicher diskurs wäre dann unnötig, wahrscheinlich sogar unmöglich. coldplay ist das vorzeigebeispiel eines solchen konsenskünstlers, eine band, die irgendwo zwischen werbecliptauglichkeit und fahrstuhlmusik das macht, was "alle" hören wollen, dabei nach möglichkeit vor allem nicht anecken möchte, sondern eher breitentaugliche "unterhaltung herstellt". woran es per se ja noch nichts zu kritisieren gibt, außer von denen, die popmusik für eine art künstlerischer artikulation halten, die eben genau jenes nicht in den vordergrund stellen sollte – sondern auf unverwechselbarkeit, unterschied und aussage setzen sollte. vermutlich deswegen funktioniert der begriff "konsens" in der popkultur also ein bisschen anders, nämlich mit dem durchaus vorwurfsvoll gemeinten subtext einer fehlenden distinktion.

der langen einleitung endlicher sinn: seit letztem wochenende müssen sich oasis, als headliner am dritten tag des melt!-festivals in gräfenhainichen bei dessau das wochenende beschließend, wohl in die gleiche kategorie jener konsensbands einordnen lassen.

null

dabei lief in den drei tagen zuvor fast alles prima. der veranstalter hatte offenbar aus der organisatorischen schlappe des festivals im vorjahr gelernt und dieses jahr eine ganze menge richtig gemacht, von der begrenzung der besucherzahlen (erstmals war das melt! ausverkauft) über die klassische platzierung der verschiedenen bühnen (wie in den jahren bis 2007 – die wege zwischen den bühnen/acts wurden also wieder kürzer) bis hin zu offensichtlich besser vorbereiteten und freundlicheren security-repräsentanten als noch 2008. das melt! als gratwanderung zwischen baggersee-improvisation und monster-event einerseits und zwischen indie-rock und elektronik andererseits hatte es da schon immer ein bisschen schwerer, nicht nur wegen der vergleichsweise heterogenen zielgruppe, sondern auch, weil es immer irgendwie etwas "besonderes" sein wollte: inhaltlich/musikalisch natürlich, aber auch von der atmosphäre, erzeugt durch diese sorte kids, die sich nur noch selten darum schert, ob ein künstler nun ein dj-set oder einen live-auftritt bringt (an notebooks stehen sie eh alle), und bei der eben vor allem die eigene wahrnehmung, der spaß am wochenende, die begeisterungsfähigkeit an der musik zählt, und nicht die mitgeschleppten bierkästen und das viertägige komakotzen. das melt! war schon immer ein festival, das so gerade noch als kuschelig durchging, bei dem man mit den meisten leuten nicht nur gut klar kam sondern auch schnell ins gespräch, bei dem es kein lagerfeuer (sondern überdimensional große bagger und ähnliche alt-industrie-artefakte) brauchte, um sich wohl zu fühlen.

melt!-festival // bild: (c) stephan flad

eins

und so ein festivalwochenende läuft dann eben doch immer vergleichbar ab: zu beginn der freitag voller euphorie und neugierde, bei dem die ersten stunden noch mit dem beschnuppern des geländes, dem treffen von bekannten, dem zurechtfinden und rumtelefonieren verbracht werden. der nachmittag und der frühe abend, der dann übergeht, ganz behutsam, in die eigentliche festivalstimmung – so auch dieses jahr. gisbert zu knyphausen und this will destroy you im zelt, kurz danach rex the dog am anderen ende des geländes auf der so genannten "big-wheel-stage" (eine von immerhin zwei der fünf bühnen, die noch ohne sponsorennamen auskommen – die drei anderen gehören zu den momenten, die man zwar als ordentlich unkommerziell sozialisierter musikfan schon ambivalent betrachtet, aber wenn einem dann andererseits schuhhersteller und softdrinkplörre dieses festival und dieses ganze angebot an tolligkeit erst möglich machen, ganz zu schweigen von den für festivalverhältnisse mehr als ordentlichen getränkepreisen auf dem ganzen gelände, verschiebt man den diskurs eben gerne mal im kopf auf die tage danach) – wahrscheinlich nirgendwo anders gelangt man so schnell von beeindruckendem liedermacher- zu post-rock und danach zu einem electro-set, das "sich gewaschen hat", wie es meine oma ausdrücken würde, wenn sie noch leben (und außerdem ahnung von elektronischer tanzmusik haben) würde. bodi bill, klaxons, la roux, röyksopp, aphex twin (letzterer als einziger "griff ins klo" des ersten abends mit einem verspult-frickeligen kunstgalerie-show-off und schlechten backgroundvideos, vor allem jedenfalls nicht mit einer einem headliner würdigen "größe") – eine nackte aufzählung natürlich, die wie üblich den nichtdagewesenen vermutlich auch nichts bringen wird, den mitfeiernden aber eventuell ein lächeln auf’s gesicht – rezensionen funktionieren ja oft nur über anknüpfungen und gemeinsamkeiten. sogar der nach drei uhr nachts einsetzende sturm, der zur schließung des geländes und – gelinde gesagt – leichtem chaos führen sollte bei den bussen, die zwischen festival-halbinsel und zelt- beziehungsweise parkplatz pendelten, konnte da nur anfangs für schlechte laune sorgen. für das wetter konnte der veranstalter nunmal nichts, und war man erstmal ein paar kilometer gelaufen, war einem der regen auch irgendwie egal.

melt!-festival // bild: (c) stephan flad

zwei

auch ein zweiter festivaltag beginnt normalerweise mit erkältung, kater oder lauten nachbarn und dementsprechend eher mittelmäßiger laune. da passt es ganz wunderbar ins konzept, dass das melt! ein nachtfestival ist, bei dem "from dusk til dawn" gefeiert wird, man also fast den ganzen sams-tag zur regeneration hatte, bevor man sich von den filthy dukes wachrütteln ließ, bei caribou die eleganz parallel drummender – ähm – drummer bestaunen konnte und bei animal collective immer nur denken musste, dass sich richard aphex d. twin james am vorabend hier vielleicht mal hätte abschauen können, wie man verstörend-eigenartig und dennoch nicht zu speziell mit elektronischer musik auf einer hauptbühne auftritt. die restlichen eher müden durchhänger des samstags (nämlich: fever ray mit sehr viel show und null dramaturgie beziehungsweise einem auftritt, bei dem man sich 55 von 60 minuten lang fragte, wann es denn nun endlich losgeht; mstrkrft auf der bühne an der "kleinen strandbar am see" mit einem zugegebenermaßen gewohnt prollig-lustigen "auffe zwölf"-auftritt; dj hell mit einem set, das sich nicht zwischen "gleich geht’s los" und "guckt mal, ich kann auch breaks" entscheiden konnte; und digitalism auf der hauptbühne, gegen deren "bratzen-electro" beispielsweise im vergleich boys noize hochintellektuelle kunststudentenmusik gewesen wäre – und natürlich gefühlt zirka tausend anderen acts, die man auf so einem jahrmarkt nicht aktiv wahrnimmt, eventuell am rande spürt, die anwesenheit fühlt, im programmheftchen liest, sie aber dann leider doch verpasst) – diese genannten müden durchhänger jedenfalls wurden gegen vier uhr früh von bonaparte so sehr in den schatten gestellt, dass der parallel stattfindende sonnenaufgang nur noch als gimmick am rande wahrgenommen wurde. "menschen, tiere, sensationen" mag wie eine floskel klingen, ist aber das einzige, woran man noch denken kann, während man einen auftritt von bonaparte sieht. erwartungsgemäß also auch am sonntag früh: verschwitzte t-shirts, glücklich guckende menschen, und die sonne, die gelbe sau, aufgehend hinter, nein, in dieser unfassbar grandios wirkenden kulisse. (denn, nur für den fall, dass es immer noch nicht oft genug erwähnt wurde: das melt! ist eines der schönsten.)

melt!-festival // bild: (c) stephan flad

drei

der sonntag als dritter festivaltag wurde erst im letzten jahr beim melt! eingeführt, denn just zu jenem zeitpunkt war björk in der gegend, die man nicht innerhalb des normalen festival-lineups verheizen wollte (und deren gagenforderung das wahrscheinlich auch nicht gerechtfertigt hätte) – so wurde ein anhängsel daraus. ein dritter tag, für den auch einzeltickets verkauft wurden, an dem sich einige schon wieder auf den heimweg machten und andere nur deswegen nach gräfenhainichen kamen. ein dritter tag, an dem nicht mehr alle bühnen geöffnet hatten, ein "kleines festival" nach dem großen, für das jemand wie björk perfekt geeignet war.

vielleicht hätte man ja wenigstens blur anfragen können, die sich zwar musikalisch auch irgendwo im konsensabteil aufhalten, deren reunion-gigs aber kurz zuvor in london für weitaus mehr aufsehen gesorgt haben, als es ein oasis-konzert je erreichen würde – schließt man einmal vorsichtig von der resonanz des publikums an diesem sonntagabend auf den "impact", den eine band wie oasis offenbar nur noch hat. dass keine zugabe gespielt wurde, mag bei anderen bands ein origineller bruch mit festen live-ritualen sein, bei oasis war es nur konsequent und nicht anders zu erwarten, staunte man doch fast eineinhalb stunden lang über das nicht-ausflippen einer menschenschar, über das ausbleiben jeglicher euphorie, über das quälen durch eine setlist, die noch nicht einmal tiefen hatte – neunzig minuten ohne höhen hätte man wenigstens noch als inspiration für einen originell formulierten verriss nutzen können, aber neunzig minuten ohne tiefen ließen einen dann leider auch nur noch permanent auf die uhr sehen. oder auf die kulisse, denn die war – ich wiederhole mich.

der dritte festivaltag als solcher mag funktionieren (und er hat es auch dieses jahr, obwohl die großartigen glasvegas ihren auftritt schon bei sonnenlicht spielen mussten, obwohl polarkreis 18 im lineup standen, obwohl eines der festivalhighlights – yuksek – fast unbemerkt auf der gemini-stage versteckt wurde, und obwohl – nein, gerade weil kasabian kurz vor dem sogenannten headliner oasis deren job übernommen und die massen zum ausrasten gebracht haben). vielleicht findet sich ja nächstes jahr wieder ein würdigerer abschluss.

abgesehen davon nämlich war alles sehr prima, dort auf der halbinsel, zwischen den baggern.

dreizehn

2010.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-07-28 | 12:21 | # ]

never been closer to heaven, never been further away

die schwarzmarkthändler sind bei den größeren ausverkauften konzerten ja meistens die gleichen, und man durchschaut sie auch recht schnell: gut organisiert ähnlich der hütchenspieler-mafia, meist zu dritt oder viert unterwegs – einer (typ: fan der band, zwischen studentisch und pleite) sucht mit handgeschriebenem schild ein ticket, das er im erfolgsfall (kauf zum originalpreis) seinem kollegen (typ: sakko und umhängetasche, jeans) weitergibt (manchmal über den dazwischen aufgebauten brezel-verkaufsstand), der es wiederum weiter vorn über die mitleidsmasche ("selbst zu teuer bei ebay gekauft, kumpel hat abgesagt") zum ungefähr doppelten preis an verzweifelte echte fans der band verkauft. beim konzert von moby letzte woche standen sie, genau wie zwei tage später beim konzert der pet shop boys, und ging man mit halbwegs offenen augen zu diesen beiden konzerten, sah man das nicht als einzige gemeinsamkeit.

moby im neuköllner heimathafen, einer – gemessen am ehemaligen starkult rund um den amerikaner – mit zirka 600 personen fassungsvermögen eher kleinen und in berlin auch unüblichen konzertlocation, die entsprechend schnell ausverkauft war, nicht nur weil es eines von nur drei solokonzerten in europa für moby sein sollte. das neue album "wait for me" im gepäck, man kennt das, ganz klassisch – live als unterstützung für den plattenverkauf, im jahr 2009 schon fast eine anachronistische geste, läuft es mittlerweile doch meist umgekehrt. überhaupt, der 90er-flashback: das publikum im schnitt mitte 30, der saal durchaus nicht komplett gefüllt, daher fast überall gute sicht und guter sound. selten genug. und auch überall drumherum permanent das gefühl, beim einlass durch eine zeitmaschine gegangen zu sein: getränkepreise auf ordentlich-angenehmem neukölln-niveau, als security keine kurzhaarigen anabolika-kampfmaschinen, sondern ältere herren im anzug mit namensschildchen, ursprünglich vermutlich als platzanweiser gecastet. schick.

das problem nur: der 90er-flashback blieb auch während des konzerts bestehen. ein moby-konzert ist chefsache, jener chef dirigiert also die restlichen sechs bandmitglieder mit sichtbar verkniffenem gesichtsausdruck, fast möchte man sagen "neurotisch", und wäre da nicht noch joy malcolm mit ihrer erwartungsgemäß beeindruckenden (aber dadurch eben auch nicht wirklich überraschenden) soulstimme, wäre das treiben auf der bühne ein ziemlich manisch-männliches geblieben – muckertum, dem man eigentlich auch noch gitarren- und drum-solos zugetraut hätte. so aber gab es immerhin eine band zu sehen, die – ja, was denn, eigentlich? eine band, die die moby-hits und songs vom neuen album nachspielte. "natural blues" und "go" waren dabei, "we're all made of stars" natürlich auch, die eine oder andere coverversion selbstverständlich. fast wünscht man sich einen affront des publikums, um wenigstens ein bisschen überrascht zu werden. als "wohlfühlsoundtrack zur dotcom-blase" beschreibt jörg wunder im tagesspiegel die bekannten hits, und genau so wirkt dann leider auch jedes detail: als "damals war's nett, aber heute könnten das andere besser". ein bisschen soul, ein bisschen elektronik, ein bisschen ambient-/klangteppich, ein bisschen ohrwurm – klar, angenehm, schön, aber dann eben doch irgendwie ohne relevanz für das, was musik im jahr 2009 stehen sollte. für das, wofür ein künstler wie moby mit all seinen weltverbesserungsabsichten im jahr 2009 eigentlich stehen müsste.

nichts davon war schlecht, nichts davon war so, dass man das ausgegebene geld bereut hätte, aber ich war auch nicht der einzige, der sich oft eher ratlos umgesehen hat: da hätte eine moby-coverband auf der bühne stehen können, es hätte keinen unterschied gemacht. und die belanglosigkeit im auftritt passte dann doch wieder zum setting und publikum: bei den hits im takt mitklatschend als wäre man bei "wetten, dass..?", und auch sonst eher "dancend" als tanzend, als wäre man auf einer ü30- oder afterwork-party und nicht auf einem konzert. ist es anmaßend, wenigstens ein kleines bisschen innovation zu erwarten? auf ein kleines bisschen "wow!" oder wenigstens "uff!" zu hoffen? es blieb bei einem überflüssigen – nein, nicht mal überflüssig, sondern: es wurde ein egaler abend, der dem albumtitel "wait for me" einen eigenartigen subtext verlieh. moby rennt den nuller jahren hinterher.

mit schlimmsten befürchtungen also zwei tage später auf dem weg zu den pet shop boys ins tempodrom, denn das argument "es kann eigentlich nur besser werden" war ja noch nie ein haltbares. jedenfalls nicht, wenn eine band für einen so beträchtlichen teil der eigenen musikalischen sozialisation verantwortlich ist wie das bei den pet shop boys der fall ist. 4000 leute im ausverkauften tempodrom, nicht ganz so kuschelig wie bei moby also, aber kein hallen-monster wie die treptower arena oder, gott bewahre, eines dieser seelenlosen sponsorennamen-mehrzweckhallen-ungetüme. aber auch gemeinsamkeiten: gleiche zielgruppe und ähnlicher altersschnitt wie zwei tage zuvor. und dass für ein konzert -teilweise- sitzplatztickets verkauft wurden, dass ein konzert von antenne brandenburg präsentiert wird, und dass die vorband unerträglich schmalzigen deutschpop-chansonschlager (think "bastard child of tele & anajo") macht, so dass man ihren namen sofort wieder vergisst – all das verheißt normalerweise auch nichts unbedingt gutes.

aber!

da waren ja schließlich noch die pet shop boys. neil tennant und chris lowe, deren bild beim stichwort "perfektionierte musikalische kulissenschieberei" vor dem geistigen auge auftaucht (und das vermutlich sogar im 90er-jahre-styling mit "boy"-cap).

(…) könnten wahnsinnig viel falsch machen, fast wartet man auf eine geschmackliche entgleisung. sie könnten zum beispiel pyrotechnik einsetzen. sie könnten nackte tänzer mit engelsflügeln sich abseilen lassen. sie könnten auch über schmale laufstege ins publikum schreiten oder einfach zu viel sprechen. aber sie tun das alles nicht. nach 14 platten und 23 jahren bandgeschichte hat man hat schließlich einen ruf zu verlieren.
(– esther kogelboom im tagesspiegel)

nicht, dass dieser vergleich notwendig wäre, aber: alles, was man moby anlasten könnte, haben die pet shop boys an diesem abend nämlich richtig gemacht. auch sie sind eine 90er-band, auch sie spielen zu einem großteil best-of-shows (wie man das in der depeche-mode- oder eben moby-größenordnung nun mal so macht), also neben den durchaus vorhandenen aktuellen songs und single-auskopplungen (sagt man dazu eigentlich wirklich noch "auskopplungen"?) eben die tracks der eigenen musikalischen geschichte, die von tracks zu songs und von songs zu hymnen wurden (und von hymnen wieder zu kult, von "go west" mal abgesehen, das von der hymne zum kitsch wurde).

aber die pet shop boys machen dann eben auch nicht jenen fehler, sich auf die greatest hits zu verlassen: der schmale grat zwischen "dem sitzplatzpublikum die neue single abspielen" und "den seit-20-jahren-fan-fans eine freude machen" wurde nie verlassen – und wenn, dann höchstens so, dass jede der beteiligten zielgruppen ihren spaß daran hatte, etwa wenn aus der (neuen) single "pandemonium" und dem klassiker "can you forgive her" mal eben ein mashup gemacht wurde, genau wie aus "closer to heaven" und "left to my own devices". oder dass die show mit "heart" eröffnet wurde und nicht mit "love etc.", – oder dass in einem anderen track ein sample aus "paninaro" (kurz angespielt) versteckt wurde.

für die antenne-brandenburg-hörer "go west", für die setlist-nerds das zuletzt auf der 1991er-tour gespielte "jealousy". für alle im saal "being boring" (einen der wenigen mir bekannten songs, dem eine vollständige website gewidmet ist), für mich "king's cross". und all das zu einem stagedesign und während einer choreographie, die ebenso scharf auf der grenze zwischen "clubkonzert" und "mega-event" balancierten: technisch perfekt, und trotzdem mit seele. "west end girls" zum abschluss und das versprechen, im dezember wieder nach berlin zu kommen, und ein großteil der anwesenden wäre noch am gleichen abend karten kaufen gegangen, hätte es schon welche gegeben.

sogar aus den hinteren reihen konnte man an einigen stellen während des konzerts das ganz subtil angedeutete lächeln im gesicht neil tennants erkennen, eines dieser lächeln, das man aus männerfreundschaften kennt, wenn man nicht viel miteinander reden muss, aber sich eben auch ohne große worte versteht. das publikum wusste, daß die pet shop boys wissen, dass es (das publikum) sich über bestimmte songs freuen würde, und das wiederum wussten die pet shop boys – und das ist im echten leben gar nicht so kompliziert, wie es sich jetzt liest. so war das jedenfalls zwischen den jungs auf der bühne und dem publikum an diesem abend: verbundenheit. sowas bekommt ein moby einfach nicht hin.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-07-03 | 17:29 | # ]

es sind die kleinen dinge, die zählen

viel wurde geschrieben über die geschichte des musikfernsehens in deutschland. über die anfänge von mtv, über den zusammenschluss mit viva, über die abschaltung von viva2, über die parallelen zu den schwierigkeiten der orientierungslosen musikindustrie insgesamt. und vor allem auch über die schleichende änderung im programm der ursprünglich als musikfernsehen gedachten kanäle hin zu einem klingelton-werbeprogrammplatz oder der abspielstelle für amerikanische teenie-massenformate, in denen cribs gepimpt und dates ge-reallifesoap-inszeniert werden. aber dass das, was sich mal musikfernsehen nannte, irgendwann einen tragischen verlauf genommen und sich seit ein paar jahren offenbar eine zielgruppe im unteren einstelligen iq-bereich ausgeguckt hatte: geschenkt. das mag wirtschaftliche gründe mit einer mischung aus zielgruppenforschung und zeitgeist zu tun gehabt haben, und ein erneutes wiederaufbereiten und analysieren mit klassisch kulturwissenschaftlichem pessimismus soll jetzt auch nur kurz, im subtext dieses absatzes, stattfinden.

aber gerade deswegen, vielleicht, sollte auf "mtv home" hingewiesen werden. das format "drei moderatoren sitzen in einem studio, reden blödes zeug und zeigen einspieler" mag jetzt allzu spektakulär nicht klingen und ist es wohl auch nicht. aber als oase inmitten des oben genannten quatschs: eine wohltat. und womöglich durchaus auch ein erstes anzeichen der genesung des senderprofils, seit dem weggang von catherine mühlemann als senderchefin beziehungsweise dem darauf folgenden wechsel zu dan ligtvoet im sommer letzten jahres.

mtv home - die moderatoren // bild: (c) mtv // bildmontage: wolfram arntzen die drei moderatoren von "mtv home" sind klaas heufer-umlauf, joko winterscheidt und palina rojinski; das studio ist wie in einer amerikanischen sitcom als wohnung beziehungsweise wg inszeniert; die rubriken und einspieler scheinen irgendwo zwischen "nett gemeint" und "hätte man mtv gar nicht zugetraut, jedenfalls nicht nachmittags" zu oszillieren; der humor ist vermutlich bekannt, wenn man die hauptpersonen heufer-umlauf oder winterscheidt schon mal in einem anderen format erlebt hat. das ist alles nichts außergewöhnliches oder besonderes, und trotzdem hat man den eindruck, dass es ein erster kleiner schritt zurück zu brauchbarem fernsehen sein könnte – nicht nur im vergleich mit dem mist, der sonst auf den hinteren programmplätzen gezeigt wird.

in der ersten sendung beispielsweise soll es eine live-schaltung nach st. moritz zum "society-event des monats" geben, zur soundsovielten borisbeckerschen hochzeit – allerdings nicht, um hinter frauke ludowig her zu filmen, sondern um beckers ex-freundinnen exklusiv (jedenfalls: exklusiv um 16:30 uhr) zu interviewen. daneben werden nachts (dem anschein nach: friedrichshainer) studenten aus dem schlaf geklingelt, oliver pocher in eine (leider nicht zugenagelte) kiste gesteckt, weiterhin gibt es einspieler mit geradezu erstaunlicher political incorrectness (für mainstream-tv-inhalte) sowie – man sehe und staune – live-musik, im studio. auch wenn das in der ersten sendung nur "die atzen manny marc und frauenarzt" sein werden – selten genug.

natürlich: das klingt alles immer noch nach quatsch anstatt nach musikfernsehen, wie es mittdreißiger von viva2 gewohnt waren. aber wenigstens nach amüsantem quatsch: nach einer "netten" show, die niemandem weh tut. weil sie niemandem weh tun will, einerseits, aber auch weil sie nicht ganz so sehr die intelligenz der zuschauer beleidigt wie man bei mtv bisher befürchten musste, andererseits.

"mtv home", wöchentlich ab 12.6., freitags 16:30 uhr.

(dieser text erschien ursprünglich auf solokarpfen.de.)

[ frank l. | 2009-06-11 | 00:02 | # ]

sehnsucht berlin

[ frank l. | 2009-03-22 | 02:22 | # ]

david horwitz: 2009

every time you are walking amongst people you do not know, consciously intervene into their paths. be subtle. do not try to cause a collision. the idea is to create a moment where they re-direct the direction of their walking (even if just for one second).

ideen zum leben. // (siehe auch).

ein klein wenig dem book (that) will change your life – einem der tollsten und von mir meistverschenktesten bücher der letzten jahre – ähnelnd, vielleicht. aber dann doch inspirativer, angenehmer, zarter. (oder wenn's nicht so kitschig-esoterisch klingen würde: sinnlicher.)

(übrigens.)

[ frank l. | 2009-03-21 | 19:32 | # ]

märz

beeindruckend, immer wieder: wie sich eine aufmerksamkeit verschiebt, wenn dinge, menschen oder situationen passieren. worauf man beginnt bei sich selbst zu achten, in äußerungen und handlungen, und was gleichzeitig auch verlorengeht. dieser shift, an dem man ablesen kann, was gerade überhaupt wirklich passiert um einen herum. so eine art mittelbarkeit, ohne die alles nicht mehr zu funktionieren scheint. selbstbeobachtung als notwendigkeit zum verständnis eines situation.

denn würde man auf reize einfach reagieren wie man es früher im physik- oder sozialwissenschafts-unterricht gelernt hat, käme man sich falsch vor. würde man durch das leben gehen und ignorieren, wo das bauchgrummeln herkommt, das gefühl der unangebrachtheit, ohne immer wieder auf eigene wertvorstellungen zu achten (und sie evtl. hin und wieder auch zu korrigieren), .. würde man durch das leben gehen ohne aufmerksamkeit für solche kontexte und gefühle und halbwahrnehmungen, käme man sich abends beim insbettgrübeln vor "wie ein kind, das gerade gelogen hat". nämlich.

(es brodelt.)

[ frank l. | 2009-03-01 | 17:11 | # ]

.. geht es dann darum, zu erwägen, ob sinnlosigkeitsgefühle und betrübnis nicht allenfalls verstanden werden könnten als durchaus angemessene, intaktheitssehnsucht offenbarende reaktionsgebärden gegen eine wirklichkeit, die über weite strecken so beschaffen ist, daß einer, der sich in ihr nicht traurig fühlt, sein trauerdefizit betrauern müßte.

(– markus werner, froschnacht)

[ frank l. | 2009-02-18 | 11:34 | # ]

atom

ich lief hinter dem ostbahnhof auf und ab und fragte mich dabei, ob hin und her nicht die zutreffendere beschreibung wäre, und auch, ob "treffender" anstatt "zutreffender" nicht das treffendere wort im vorherigen satzteil wäre. die menschen hatten ihre mäntel zugeknöpft und hörten keine musik während ihrer hast vom einen zum anderen punkt, und meist war einer dieser punkte ein auto und der andere ein bahnhofszugang mit automatiktür, die nicht mehr surrte, sondern nur noch schepperte, wenn man ihr überhaupt noch die chance gab zu agieren. atom performance at berghain 01/2009 wenn ich verharrte, hatte ich das gefühl, als würde ich mich zur schau stellen und angreifbar machen, also täuschte ich innerlichkeit vor beim laufen und gucken und gelauntsein, denn ich wollte niemanden stören, damit auch niemand mich störte. der moment war aufgeladen mit gegenseitiger respektvoller ignoranz, und während ich so beim schreiten darüber nachdachte, ob ich wirklich schritt oder vielleicht doch nur lief, da dachte ich, ..: wenn ich mir was wünschen dürfte – und hatte dabei die stimme von marlene dietrich im kopf, als hätte ich den moment ganz kitschig für ein blogposting inszeniert – wenn ich mir also was wünschen dürfte, es wäre ein anhaltender zwischenzustand. dämmerung, herbst, unentschlossenheit, eine welt voller vielleichts und ungelöster (aber lösbarer) rätsel. graustufen, durch die kühnheit und wagnis und mut und chance erst entstehen können. ich starrte auf ein plakat, auf dem ein hund abgebildet war, dessen sorte ich nicht zuordnen konnte, dessen gesichtsausdruck aber penetrantst auf niedlich manipuliert war, und fragte mich (denn es war niemand anderes zur hand, den ich hätte fragen können), ob man als kind nicht viel mehr dieser dinge durchschaute auf einer ganz natürlichen ebene. ob man nicht die fähigkeit zum verstehen in sich hat, aber verlernt bekommt. der nebel und das tageslicht stimmten mir zu, und das kind, das an der hand seiner erwachsenen bezugsperson am hundeplakat vorbeigezogen wurde und mich ansah, dieses kind auch ein bißchen, glaube ich.

[ frank l. | 2009-02-02 | 17:44 | # ]

 

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